»Es kommt vor allem darauf an,« meinte ich, »daß sie sich nicht das geringste zuschulden kommen läßt und völlig unschuldig verhaftet wird. Bei den Verhältnissen im Tenderloindistrikt, die wir alle kennen und die doch nie so recht bewiesen werden konnten, wird das sehr leicht möglich sein. Die Flynn muß sich ganz einfach und unauffällig anziehen und abends in den Nebenstraßen bei der Bowery spazieren gehen. Weder zu schnell noch zu langsam. Sie darf nicht auf- und abgehen und nie dieselbe Straße zweimal passieren. Selbstverständlich wird sie sehr bald dem einen oder dem anderen der Detektivsergeanten des Tenderloin auffallen. Selbstverständlich wird er sich die übliche Bestechung von ihr holen wollen. Natürlich ist er auch zu dumm, um etwas zu merken, und wird die Flynn prompt verhaften, sobald sie nicht zahlt.«

»Sehr gut!« sagte Dick Burton. »Mann, wo hast du nur deine großartigen Ideen her! Natürlich sind wir drei stets in der Nähe, um beschwören zu können, daß die Flynn sich einwandfrei verhalten hat. Kommt sie dann vor den Richter, so sind wir mit unseren eidesstattlichen Versicherungen da. Ja. Also abgemacht, Holloway?«

»Ja. Unter der Bedingung, daß Miß Flynn auf das genaueste über alle Fährlichkeiten informiert wird, denen sie unter Umständen entgegengeht. Es gibt da brutale Leibesuntersuchungen und derartiges.«

»Das ist selbstverständlich. Miß Flynn gehört übrigens einer sehr guten Neuyorker Familie an. Es wird ihrem Ruf nichts schaden, wenn sie im Interesse der Aermsten der Armen eine tapfere Tat wagt. Ich denke, wir gehen jetzt schlafen. Wo treffen wir uns morgen?«

»Hier. Um zwei Uhr,« sagte Holloway.


Wenn ich mir jenen Abend, von dem mich fünfzehn Jahre nun trennen, eine sehr lange Zeit in einem Leben der Unrast, aus der Erinnerung wieder erträume, so ist mir, als wären die Menschen von damals wieder lebendig geworden, als sei ich mitten im Wirrwarr der Dinge. Ich höre die Männer reden, ich sehe ihre Gesichtszüge, ich verspüre wieder die prickelnde Aufregung der »Großen Sache«. Ich sehe die kleine Miß Flynn im einfachen Kleidchen und rundem Schleierhut mit grellroten Flecken der Aufregung im merkwürdig energischen Gesicht — die lärmende grellerleuchtete Straße, — den vierschrötigen Polizeimenschen, der brutal auf sie einspricht — den heransausenden Gefängniswagen, den Menschenauflauf, das Drängen und Schieben von blauröckigen Polizisten. Die durchwachte Nacht steht mir vor Augen, der Polizeigerichtshof in früher Morgenstunde, das scharfe, kurze Verhör, die entrüstete Beschwerde der in ihrer ganzen Weiblichkeit aufs tiefste verletzten Reporterin, das ungläubige Kopfschütteln des Tammanyrichters. Ich höre das harte geschäftsmäßige Urteil wegen gewerbsmäßiger Unzucht. Und ich sehe die aschenfahlen Gesichter der beiden Polizeibeamten, als Holloway plötzlich aufsprang und in öffentlicher Gerichtssitzung die Polizeibehörden der erpresserischen Freiheitsberaubung beschuldigte. Die Arbeit dann, das Hetzen, das Höllenbild, das Zeile um Zeile in einem stillen Zimmer des Worldgebäudes entstand, die zornbebende Frau, die uns erzählen mußte, weil sie unfähig zum Niederschreiben war...

Es galt, auf das Vorsichtigste zu mildern, weil die Urenkel der Puritaner kräftige Worte nicht vertragen können, aber was geschrieben wurde, war immer noch deutlich und wahr genug. Im Lande der Frauenverehrung war ein Mädchen auf den fadenscheinigsten Verdacht hin als Dirne verhaftet und im Weiberzimmer des Gefängnisses schlimmer behandelt worden als Tiere behandelt werden.

Der Bericht entsetzte ganz Neuyork. Die grand jury, die eigentümliche amerikanische Einrichtung eines Geschworenengerichtshofes in staatsanwaltschaftlicher Funktion, der Mißstände zu prüfen und Anklagen zu erheben hat, nahm sich der Angelegenheit an, und später wurden einige Polizeibeamte zu empfindlichen Strafen verurteilt. Die öffentliche Meinung aber setzte wenigstens einige wichtige Veränderungen im Neuyorker Polizeiwesen durch.

Im Zeitungsklub beglückwünschte man mich, den jungen Anfänger, von links und von rechts, denn diese Männer, die kalt und zynisch im Sensationsgeschäft schachern konnten, sahen doch den Höhepunkt und das Große ihres Berufes in sozialer Hilfeleistung.