Für uns ist das Naheliegende nichts.

Man hat sich schon zu oft die Finger verbrannt und ist klug geworden. Man hat umsonst gearbeitet, und ist ausgelacht worden obendrein damals, als die Bohrungen für die Untergrundbahn begannen und man in den kaum errichteten Caisson stieg und ein höchst interessantes Arbeitsbild schrieb. —

»Haben wir längst!« hatte Holloway gegrinst; »glaubst du vielleicht, daß wir schlafen?«

Oder damals, als man die Felsensprengungen für das Fundament des neuen Wolkenkratzers schilderte — und die Szenen beim Ausstand der Tramwayangestellten — und — ach, wie war man da ausgelacht worden! Nein, nur nichts Naheliegendes! Unsereiner verdiente viel mehr Geld als der reguläre Zeitungsmann, der allwöchentlich oder allmonatlich seine festen Dollars einheimste, aber dafür mußte man auch sein bißchen Phantasie haben und verdammt scharfe Augen. Neues brauchte die Zeitung. Neues! Oder zum mindesten neu, eigenartig Gesehenes.

Weiterlesen! Wir müssen aus irgend einem winzigen Ereignis, das da in fünf Zeilen erwähnt wird, etwas Typisches, Allgemeines, Wichtiges machen; wir müssen in einem gleichgültigen kleinen Bildchen die Möglichkeit einer großen Schilderung sehen; wir müssen das ergänzen, was die Flüchtigkeit des überhasteten Zeitungsmannes vernachlässigte. Wir müssen im ganz Kleinen den großen Zug entdecken. Dafür werden wir glänzend bezahlt...

Man sucht und sucht. Man liest aufmerksam die Gerichtsverhandlungen durch, ob sie allgemein nicht bekannte soziale Zustände berühren, man prüft die Unglücksfälle, die Brandnachrichten, die Gesellschaftsnotizen, das Winzigste. Alles.

Holla — hier ist etwas — —

Schnell wie ein Blitz kommt über einen die Erleuchtung. Unter den politischen Neuyorker Angelegenheiten steht da eine winzige Notiz, daß die Frage der sweat shops durch einen Ausschuß des Stadtrats geprüft werden soll. Wahrscheinlich ist sie mit einem zynischen Grinsen in den Satz gegeben worden. Die Zeitungsleute kennen diese Untersuchungskommissionen Neuyorks. Sie sind hauptsächlich dazu da, damit die Mitglieder der Kommission Diäten verrechnen können, amtliche Ausgaben, Taggelder. Sweat shops auch noch! Wenn schon — man kennt das. Man kennt das Elend der »Schwitzläden«, in denen arme Arbeiterinnen in fürchterlich überfüllten Räumen für Hungerstücklohn zwölf Stunden lang im Tag Weißzeug nähen, und Arbeiter sich beim Fabrizieren der billigen Konfektion die üblichen Berufskrankheiten holen, die Schwindsucht vor allem. In Neuyork ist gar nichts Lustiges mehr am kleinen Schneiderlein. Man kennt das längst. Ganz Neuyork kennt diese Dinge. Der Arbeitsmarkt ist unerbittlich und richtet sich nach Nachfrage und Angebot. Da ist nichts zu wollen. Aber ein Bild steigt da auf, in phantastischem Ahnen geschaut. Man sieht sich im Geist in einer niedrigen Arbeitshölle, in der viele Menschen hocken, tiefgebeugt über ihre Arbeit, nadelziehend ohne Unterlaß, nähmaschinentretend. Giftiger Brodem ihrer Ausdünstung hüllt sie ein. Sie fädeln und treten, und die Ereignisse ihres Lebens sind die Glockenzeichen, die Arbeitsanfang und Arbeitsende bedeuten. Man sieht sich Seite an Seite mit einem dieser Mädchengeschöpfe gehen und verspürt, daß neben einem das nackte Elend schreitet. Ob es wohl lächelt, dieses Elend, und ganz zufrieden ist in seiner fürchterlichen Hoffnungslosigkeit? Ob es schreit in bitterer Anklage? Oder gar stolz ist und befriedigt, weil es dreißig Hemden nähte im Tag und der andere Sklave an der Nähmaschine daneben nur neunundzwanzig? Wie lebt dieses arme Geschöpf? Was ißt es, was trinkt es, wie wohnt es, wie kleidet es sich, wie sehen seine Freuden aus, welche Leiden muß es erdulden, von welchen Hoffnungen ist es beseelt?

Und man atmet tief auf und weiß, daß man im Schauenstraum ein Stück Leben gepackt hat, und man verspürt wie rieselnden Glücksschauer die Freude, die die Zeitung ihren Landsknechten dann und wann beschert, wenn sie jung und begeisterungsfähig und durch den Zynismus allzugroßer Erfahrung noch nicht verdorben sind. Nicht nur für Geld und Ehrgeiz arbeitest du, so jubelt es in diesen Sekunden des Glücks, sondern du sprichst zu vielen Menschen, und vielleicht vermagst du es, Hirne nachdenklich zu stimmen und Herzen zu erschüttern, auf daß es diesen Armen, die da hoffnungslos fädeln und treten, ein ganz klein wenig besser ergehe. Vielleicht verschaffst du ihnen den Dollar mehr in der Woche, diesen lächerlichen Dollar dieses reichen Landes, der den Unterschied bedeutet zwischen Leben und Vegetieren...