Und er beschäftigte sich angelegentlich mit seinem heißen Whisky. Ich greife nach der World, um Dicks Arbeit, die ich vorhin nur überflogen hatte, genau zu lesen. Sie ist ein Meisterwerk schildernder Kunst, von Leben sprühend. Man hört die Menschen sprechen, sieht sie sich bewegen, atmet die Atmosphäre der Tragik. Und man weiß, daß Dick Burton spät heute nacht, wenn die Zeitungen zur Presse gegangen sind und ihre Männer sich noch auf ein Stündchen im Klub versammeln, umjubelt werden wird wie ein Sieger. Amerikanische Journalisten kämpfen zwar heiß und bitter um den Tageserfolg, aber sie beneiden sich nicht gegenseitig in Scheelsucht. Sondern sie geben dem Mann der großen Leistung ein Bankett...

»Das Journal muß sich heute 'ranhalten!« grinst Holloway. Sein Lächeln ist ein wenig bittersüß. »Wir kommen sonst ins Hintertreffen. Hm, die Verhandlung beginnt um Elf. Da hab' ich gerade noch vierzig Minuten.«

»Machst du die Sache heute selber?«

»Ja. Jefferson und ich.«

»Kannst du mir eine Einlaßkarte für den Zuschauerraum geben oder verschaffen?«

»Für den Pressetisch, meinst du doch? Nein. Du brauchst aber nur den Gerichtsvorsitzenden um sein Visum auf deiner Visitenkarte zu ersuchen, das er dir gern geben wird. Wäre ja noch schöner! Gehst du aus Neugierde hin? Für dich ist dort nichts zu holen, old man

»Nicht am Pressetisch! Daß jede Zeitung dort doppelt und dreifach vertreten ist, weiß ich selber. Aber vielleicht im Zuschauerraum. Es ist mir beim Lesen von Dicks Arbeit und den anderen Stimmungsbildern aufgefallen, daß alles beschrieben worden ist, der Angeklagte, die Geschworenen, die Richter, die Menschenmenge im Zuschauerraum, nur nicht, was die Leute im Zuschauerraum sagen, was sie sich zuflüstern, welche Gesichter sie machen, was sie reden nachher draußen auf den Korridoren, wie sie sich gleichgültig gebärden, vielleicht oder tief erschüttert sind. Bei dieser Geschichte interessiert doch einfach alles, und wenn man schon —«

»Allright,« sagte Holloway kurz. »Können wir gebrauchen. Du machst das für uns. Hier, gib dem Gerichtsbeamten meine Karte und einen Fünfdollarschein. Deine copy muß spätestens um zwei Uhr fertig sein. Addio. Höchste Zeit!«

Und man stürmt hastend zum Gerichtsgebäude, denn in wenigen Minuten beginnen die Verhandlungen des dritten Tages dieses sensationellen Mordprozesses, der ganz Neuyork in Atem hält. Der Zuschauerraum ist schon vor einer Viertelstunde geöffnet worden und bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Doch der türhütende Gerichtsbeamte hat großen Respekt vor der Visitenkarte des leitenden Redakteurs des Journal und inniges Verständnis für den grünen Fünfdollarschein. Die Türe öffnet sich ein wenig und man drängt sich, gepufft, gestoßen, verwünscht, durch die eng aneinandergepreßten Menschen, bis ein Plätzchen in einer Ecke erobert ist. So — oh! Nun heißt es, ganz Auge sein und ganz Ohr. Sich schärfstens auf Beobachtung konzentrieren. Es ist elegantestes Neuyork, das sich da drängt, denn die Einlaßkarten sind schwer erhältlich. Auf einen Mann kommen mindestens fünf Frauen. Auf den Stühlen da sitzen Damen, die offenbar der guten Gesellschaft angehören, Damen in kostbaren Pelzen, wertvollen Straßenkleidern. Nur hören jetzt und schauen. Ein scharfes Glockenzeichen. Der Angeklagte wird hereingeführt, die Richter erscheinen, die Verhandlung beginnt. Sie ist im Grunde langweilig. Es handelt sich um Beweisaufnahme darüber, ob die vergifteten Seltzerpulver von dem Angeklagten gekauft worden sind, ob einer der vorgeladenen Apotheker den Angeklagten wiedererkennt, ob das Papier und der Bindfaden, in denen das Giftpaketchen eingehüllt war, über alle Zweifel identisch sind mit dem gleichen Papier und demselben Bindfaden, die im Hause des Angeklagten gefunden wurden. Doch von dem Ergebnis dieser Beweisaufnahme hängt Leben und Tod ab. Dem Mann dort im eleganten Prinz-Albert-Rock mit dem energischen, sehr sympathischen Gesicht droht der elektrische Stuhl. Es ist totenstill geworden im Zuschauerraum. Diese verwöhnten Frauen haben nichts Weiches, nichts Weibliches mehr. Ihre Gesichtszüge sind straff angespannt. In ihren Augen ist die Gier nach der Sensation und irgend etwas, das fast an ein wildes Tier erinnert. Wie ein Keuchen geht es durch die stillen Reihen, wenn eine Aussage, das Wort eines Zeugen, die Frage eines Richters wichtig erscheint. Alle diese Menschen im Zuschauerraum spannen ihre Nerven an zum Zerreißen... Und man schaut und schaut und prägt sich Gesichtszüge ein, und Aeußerlichkeiten von Toiletten, und versucht zu erraten, was in diesen Gehirnen vorgeht. Da — der Drogist Soundso beschwört, dem Angeklagten häufig Seltzerpulver verkauft zu haben! Und seine Seltzerpulver nur sind in rosa Umschläge gehüllt!! Es sieht bös aus für den Angeklagten! Die Gesichter werden noch härter, die Augen noch gieriger, Frauenkörper beugen sich noch weiter vor, die Dünste der Parfüms vermischen sich mit scharfem Schweißgeruch, das Keuchen wird zu leisem aber messerscharfem Flüstern... Plötzlich erhebt sich der Vorsitzende. Die Verhandlung wird aus irgend einem Grunde für einige Stunden unterbrochen. Sekundenlang noch ist es still, denn die Hälse recken sich nach dem Angeklagten, der abgeführt wird, und starre Augen folgen ihm. Dann aber bricht ein Babel von Getöse los. Rücksichtslos drängen, schieben, stoßen die Damen zur Ausgangstüre, schwatzend, redend, zeternd. Die Gesichter sind knallrot vor Aufregung —

»Er hat's getan!«