Als nun die Zeit kam, die Musterung zu tun, sich vor Jungfrauen und Frauen in der Ordnung zu erzeigen, kam ein Herold, rief aus Befehl des Königs dieser Gestalt: wer da willens wäre, von wegen Jungfrauen und Frauen einen Spieß zu brechen, der sölle auf die Bahn ziehen. Als solches geschehen, kam herfür gezogen auf die Bahn Herr Heinrich von Crappana; gegen dem zog einer von des Königs Dienern. Den traf Herr Heinrich wohl, daß er am Sattel hing. Brach also seinen Spieß wohl. Es begab sich aber in dem, als des Königs Diener also getroffen war, daß er seinen Spieß von sich warf. Und begab sich ohn Gefahr, daß der Spieß Herrn Heinrichen von Crappana Pferd zwischen die Beine kam, darvon das Pferd mit Herrn Heinrichen zu fallen genötiget ward. Da huben die Freund des Königlichen an zu sagen, Herr Heinrich wäre redlich gefallen. Das tät Herrn Heinrichen sehr verdrießen; und wollt also nicht mehr treffen.
Zum andern mal rufet der Herold aus Befehl des Königs, so ein ander wäre, der Lust hätte, einen Spieß zu brechen, der sölle auf die Bahn ziehen. Als solches der Peter vernahm, zog er auf die Bahn wider den Königlichen, der mit Herrn Heinrichen getroffen hätt, und gesaget, er hätte Herrn Heinrichen redlich herab gestochen. Von welcher Rede der Peter zornig und beweget ward; wann solches Reden mit Gewalt geschah, nach dem doch der Herr Heinrich ein berühmter Renner war. Und traf der Peter mit dem Königlichen, daß Pferd und Mann sich nicht enthalten mochten, und auf einem Haufen lagen. Also, daß sich alle Umsteher und Zuseher solches Treffens täten verwundern.
Als solches der König gesehen, lobet und pries er den Ritter mit den silbern Schlüsseln; und hätte gerne erfahren, wer solcher fremder Ritter gewesen wäre. Schicket als bald seinen Herold zu ihm, zu erfahren, wer er wäre.
Als nun der Herold zu dem Peter kam, zeiget er an, wie er vom König, seinem Herrn, zu ihm gesandt wäre, zu erfahren, wer er wäre, und wes Landes. Saget der Peter dem Herold: „Du sollst dem König sagen, deinem Herrn, und ihn bitten von meinen wegen, er wölle kein Ungefallen darab haben, so ich ihm meinen Namen zu wissen verhalte. Wann ich hab es gelobet, keinem Menschen zu bekennen, wie ich heiße. Doch sage dem König also: ich sei ein armer Edelmann aus Frankreich und suche die Welt, von Jungfrauen und Frauen Preis und Lob zu erlangen.“ Also kam der Herold wieder zu dem König und zeiget ihm an, was er von dem Peter gehört und erfahren hätt. Da solches der König verstund, ward er zufrieden; und zu eignet solche Antwort seiner Höflichkeit, dieweil er nicht wollt berühmt sein.
Darnach fing es der Peter recht an; wann ein jeder sich unterstund, das Beste zu tun mit ganzem Fleiß. Jedoch, auf das Kurzest darvon zu reden, tät der Peter das Beste, und stach die Fremden ledig alle herab. Aus solchem der König und alle anderen ihm das Lob gaben, daß er das Beste getan hätte. Und behielt also den Preis. Doch hätte der König gerne gewußt, so viel ihm möglich, wer er gewesen; des gleichen auch alle Umsteher. Das Gerüchte ging auch unter den Jungfrauen und Frauen von diesem Ritter mit den silbern Schlüsseln. Auch hätt die Schön Magelona große Acht auf den Peter und konnte sein nicht vergessen.
Da es nun an ein Ende kam, zog jedermann wieder zu Herberg. Und Peter behielt den Preis von männiglich. Als er von der Bahn nach seiner Herberg zog, kamen zu ihm Herr Heinrich von Crappana, des gleichen ander mehr, und begleiteten den Peter bis in seine Herberge. In der selbigen Stunde überkam Herr Heinrich eine große Liebe zu dem Ritter mit den silbern Schlüsseln, und blieben darnach gute Gesellen.
Wie viel Rennen und Stechen gehalten wurden aus Befehl des Königs von wegen seiner Tochter, der Schönen Magelona.
Viel Turnieren, Rennen und Stechen befahl der König zu Neapel aus Ansuchen seiner lieben Tochter, der Schönen Magelona. Die bat ihn sehr derwegen aus Liebe, die sie zu dem Ritter mit den silbern Schlüsseln trug, doch verborgen. Wann so der König des Ritters mit den silbern Schlüsseln ansichtig ward, gefiel er ihm allenthalben, sonderlich von wegen seiner Tugend, Adels und Höflichkeit. Und sprach zu Weilen wider sich selber: „Fürwahr, dieser Ritter wird nicht eines kleinen Geschlechts sein, wann all sein Wesen nicht anders anzeiget. Er ist auch würdig, daß wir ihm mehr Ehr erzeigen, dann ihm bisher von uns widerfahren ist.“ Auf das befahl der König etzlichen seines Hofgesindes, sich zu befleißigen, zu erfahren, wer er wäre, und ihm darnach solches an zu zeigen. Was sie zu tun willig waren.
Also begab sich eines Tags, daß ihn der König zum Mittagmahl fordert, mit ihm zu essen, auf daß er ehrlicher gehalten würde. Des ward der Ritter sehr erfreuet, der Hoffnung, des Königs Tochter, die Schöne Magelona, baß zu besehen, und nach allem Willen, wann er vor sie nicht wohl gesehen hätt. Als Zeit war, zu essen, kam der Ritter mit den silbern Schlüsseln. Hieß ihn der König, sein Gemahel und seine liebe Tochter, die Schön Magelona, sich zu ihm an seinen Tisch setzen, dem Ritter zu Gefallen und ihm darmit desto größer Ehr zu erzeigen. Da sie nun alle zu Tische gesessen, ward der Ritter gegenüber der Schönen Magelona gesetzet. Nun war die Mahlzeit von fremden Essen aufs Beste bestallt. Aber der Ritter achtet des Essens wenig, wann er war allein mit seinem ganzen Herzen geflissen, die Schöne Magelona genugsamlich zu beschauen, und in sich selber zu bedenken die übertreffliche Schönheit der Jungfrauen. Und speiset also sein Gesicht mit ihrem Anblick, und gedacht in seinem Herzen, es wär keine schöner auf Erden, dann die Schön Magelona. Also ward er entzündt in ihrer Lieb, und gedauchet ihn der selig, der ihre Lieb überkommen möchte. Doch schätzet er sich selber nicht für den, dem es widerfahren möchte, und hielt es bei sich selber für unmöglich, daß ihm solch Glück begegnen möchte. Und nicht weniger, wie ihm ward, geschah auch der Schönen Magelona in ihrem Herzen von dem Ritter.
Als sie nun gegessen hätten, geschahen mancherlei Spiel und Kurzweil auf dem königlichen Saal. Und ging der König, samt seinem Gemahel, der Königin, kurzweilen; gab auch seiner lieben Tochter, der Schönen Magelona, Macht und Urlaub, mit den Rittern auf dem Saal zu reden. Also begab's sich, daß die Schön Magelona den Ritter mit den silbern Schlüsseln freundlich zu sich rufet. Da solches der Peter vernahm, kam er schnell und willig. Saget sie zu ihm: „Edeler Ritter, mein gnädiger Herr Vater, der König, hat ein groß Gefallen in allem euerm züchtigen Wesen, des gleichen auch die anderen alle, so herinne sind, auch von wegen eurer ritterlichen Sachen, Tugenden und adeligem Gemüte. Hierum, kommt oft herein kurzweilen! Wann mein gnädiger Herr Vater, des gleichen mein gnädige Frau Mutter und alle anderen, tragen ein groß Gefallen hierinne an euch, auch ich, mit samt anderen Jungfrauen und Frauen.“