Da die Schön Magelona solches geredt, fiel sie in einer schweren Ohnmacht auf ihr Bette. Als sie aber wieder zu ihr selber kam, sprach sie: „Wisse, liebste Amme, daß er eines hohen Stammes und Geschlechtes ist. Wann seine Tugend solches anzeiget, auch will er darum seinen Namen nicht anzeigen. Ich glaub aber gänzlich, so du von meinen wegen an ihn würdest begehren seinen Namen und Stand, er werde ihn dir nicht verhalten.“
Als nun die Amme an der Schönen Magelona gesehen die große Lieb, die sie zu dem jungen Ritter trug, tröstet sie die Schöne Magelona und sprach: „Mein aller liebste Tochter und Fräulein, dieweil es euer Begehr und Willen ist, will ich mich also viel befleißen, damit ich von euert wegen mit ihm rede, und solches erfahre, wie ihr mir auf geleget. Seid nur getrost, und bekummert euch nicht mehr!“
Wie die Amme in die Kirchen ging zu dem Ritter, mit ihm aus Befehl der Schönen Magelona zu reden.
Darnach ging die Amme in die Kirchen, den Ritter zu suchen. Und fand ihn alleine beten, und tät auch, als sie bete. Als bald sie das Gebet vollbracht, erbot ihr der Ritter Ehre; wann er kennet sie wohl und hätt sie vormals gesehen bei der Schönen Magelona. Da fing sie zu ihm an und sprach: „Herr Ritter, ich verwunder mich euer nicht ein wenig, daß ihr euern Stand und Wesen also heimlich haltet und verberget. Ich weiß wohl, daß mein Herr, der König, und seiner Gnaden Gemahel, und in Sonderheit die Schön Magelona eine große Freud hätten, zu erfahren, von wann und wer ihr wäret. So ihr dann geneiget wäret, der Schönen Magelona solches zu wissen zu tun, wollt ich's ihr nicht vorhalten. Ich weiß auch, ihr tätet in solchem ihr einen großen Gefallen; wann sie begehret es herzlich zu wissen.“
Als der Ritter die Frauen also höret reden, ward er voller Gedanken, vermeinet er doch gänzlich, solche Reden kämen von der Schönen Magelona. Gab ihr also zur Antwort und saget: „Meine liebste Frau, ich sag euch großen Dank, daß ihr mit mir also freundlich geredt habt. Des gleichen danke ich auch allen, so meinen Namen zu wissen begehren, in Sonderheit meinem gnädigen Fräulein Magelona. Und so es euch geliebet und unbeschwerlich, wollet mich ihr befehlen, und von meinen wegen bitten, sie wölle kein Ungefallen darinne tragen, daß ich mich nicht offenbare. Wann die Weil ich von heimen gewesen, hab ich's keinem Menschen zu erkennen geben. Jedoch, dieweil sie die Kreatur ist auf Erden, der ich das aller Beste gönne in dieser Welt, auch ihr zu dienen und gehorsam zu sein erbötig, möget ihr also zu ihr sagen: nach dem sie also herzlich begehre, zu wissen meinen Namen, solle sie wissen, daß mein Geschlecht groß und hoch geadelt sei. Und bittet sie von meinen wegen freundlich, sie wölle an dem ein gut Begnügen haben. Und euch bitte ich aufs Freundlichst, ihr wollet von meinem kleinen Vermögen etwas nehmen und ihr mit bringen von meinen wegen. Wann ich selber ihr solches nicht darf überantworten. Daran tut ihr mir ein groß Gefallen.“ Gab ihr also der drei Ringe einen, die ihm sein Mutter in seinem Hinziehen mit geben hätt.
Da sie solchen Ring von dem Ritter empfangen hätt, sprach sie zu ihm: „Edeler Ritter, diesen Ring will ich ihr von euert wegen überantworten, auch darneben anzeigen, was wir mit einander geredt haben.“ Also nahmen sie Urlaub von einander und schieden hinweg.
Die Amme ging fröhlich hinweg von dem Ritter, darum, daß sie mit ihm war also zu reden kommen. Und redet zu ihr selber also: „Es mag wohl also sein, als mir die Schön Magelona angezeiget hat, daß er eines großen Geschlechts sein soll; wann er ist aller Zucht und Tugend voll.“ In diesen Gedanken ging sie, bis sie kam zu der Schönen Magelona, welche ihrer Zukunft mit großen Freuden wartet. Da zog sie den Ring herfür und überantwortet ihr den mit Anzeigen, was sie mit einander geredt.
Als die Schön Magelona des Ritters Erbieten hätt verstanden, und sah auch den kostlichen Ring, den ihr der Ritter überschicket hätt, sprach sie zu ihrer Ammen also: „Mein liebste Amme, hab ich dir nicht vormals gesaget, er würde sein eines hohen Geschlechts? Wann mein Herz saget mir's. Auch kannst du wohl gedenken, ob ein solcher kostlicher Ring möge sein eines Armen. Sicherlich, sage ich dir, das wird mein Glücke sein, und kann nicht anders werden. Wann ich will und begehre ihn zu haben und liebe ihn, ich will auch keinen andern lieben noch haben. Wann von Anbeginne, als ich ihn am ersten ersah, ergab sich mein Herze ihm alleine. Ich erkenne auch, daß er mir zu Lieb und Gefallen hieher kommen ist. Dieweil er dann eines hohen Geschlechts ist, ich auch weiß, daß er von meinen wegen hieher kommen ist, und er der schönste Ritter unter allen dieser Welt ist, wäre ich doch unhöflich und eines harten Herzens, wenn ich ihn nicht wiederum lieb hätte. Ich will auch ehe vor Schmerzen sterben, eh ich sein vergesse und ihn verlasse. Derhalb ich dich bitt, mein liebste Amme, du wollest ihm mein Gemüt und Willen zu erkennen geben, und in dem mir treulich raten. Und damit ich meine großen Schmerzen linder mache, bitt ich dich, du wollest mir diesen Ring lassen, wann ich hab große Freude, ihn an zu sehen.“
Als solches die Amme von der Schönen Magelona vermerket, daß sie ihr Herze und Gemüt also bald wollte entdecken, ward sie traurig und sprach zu ihr: „Mein edelstes Fräulein und Tochter, auch aller freundlichstes Herz, ich bitt euch fleißig, ihr wollet solchem Fürsatz in euerm edeln Herzen keinen Fürgang lassen; wann es ja nicht loblich, noch ehrlich wäre, daß ihr, als eine hochgeboren Fürstin, euer Lieb also schnelle einem fremden unbekannten Ritter gebet.“
Da solche Straf die Schön Magelona von ihrer Ammen höret, mochte sie es nicht länger dulden noch verschweigen, sondern sprach zu ihr mit bewegtem Gemüte: „Du sollst ihn hinfür nicht für einen Fremden schelten, wann ich auf Erdreich keinen lieber habe. Es wird mir ihn auch niemand aus meinen Gedanken und Herzen reden. Darum bitte ich dich freundlich, du wollest hinfür dieser Wort geschweigen, als lieb ich dir bin, und meine Gnad.“