Da die Amme das alles vermerket hätt, wollt sie nichts mehr darwider reden. Doch saget sie zu ihr: „Mein liebstes Fräulein, was ich sage, tu ich von euert wegen, und euch zu Ehren. Wann alle Ding, so da unordentlich und schnelle geschehen, kommen nicht zu Ehren denen, die es tun; auch werden sie nicht gepriesen von denen, die es erfahren. Ich lobe es wohl, daß ihr ihn lieb habet, wann er ist es wohl würdig. Doch also, daß solches von euch ehrlich und züchtig geschehe, wie es sich dann gebühret. Und zweifelt gar nicht, ich will euch einen guten Rat geben und getreulich helfen. Wann ich hab eine gute Hoffnung zu GOTT dem Allmächtigen, diesen Dingen werde wohl geraten.“

Als die Schön Magelona solche vernünftige Rede von ihrer Ammen vernommen hätt, ward sie ein wenig gestillet. Und saget ihr doch: „Mein aller liebste Amme, ich will alles tun, was ihr mir raten werdet.“

Die selbe Nacht schlief die Schön Magelona ganz wohl mit ihrem Ring, den sie zum öftern Mal küsset aus großer Lieb; und tät mit herzlichem Seufzen an ihren liebsten Freund, den Ritter, gedenken bis nahe dem Tag. Darunter entschlief sie. Und da sie entschlafen war, da kam ihr für ein solcher Traum: es gedauchet sie, der Ritter und sie wären allein bei einander in einem lustigen Garten. Und sie saget zu ihm: „Ich bitte euch freundlich, von wegen der Liebe, so ihr gegen mir traget, ihr wollet mir sagen, von wannen ihr seid, und wes Geschlechts; wann ich liebe euch vor allen Menschen auf Erden. Darum begehre ich zu erfahren, wer der Ritter wäre, dem ich mein Lieb geben hätte, und von wannen her er wäre.“ Gedauchet sie hernach, der Ritter antwortet ihr: „Edeles Fräulein, es ist noch nicht die Zeit kommen, mich gegen euch zu eröffnen. Darum, ich bitte euch, ihr wollet mich dessen auf dies mal überheben; wann ihr sollt es noch in kurzer Zeit erfahren.“ Und darnach gedauchtet sie, der Ritter gebe ihr einen Ring, der war noch kostlicher dann der erste, den er ihr bei der Ammen geschickt hätte. Und lag also die Schön Magelona schlafend in großem Gefallen bis auf den Morgen des Tags. Und da sie erwachet, saget sie solchen Traum der Ammen, aus welchem Ansagen die Amme vermerket, daß sie all ihr Herze und Gedanken auf den Ritter geworfen hätt. Derhalben sie die Schöne Magelona tröstet auf das Beste, so sie konnte und vermocht.

Wie eines Tags der Ritter die Amme in der Kirchen fand, und er zu ihr ging und saget ihr was heimlich.

Eines Tages tät der Ritter also großen Fleiß, daß er der Schönen Magelona Ammen in der Kirchen fand, wann er wollt heimlich mit ihr reden. Als sie ihn vernahm, ging sie zu ihm, und zeiget an, wie die Schön Magelona ein groß Gefallen hätte an dem Ringe, den er ihr gesandt hätt, und tät ihm freundlich danken. Da antwortet ihr der Ritter und sprach: „Liebe Frau, ich habe euch den Ring geben, nicht der Schönen Magelona. Wann ich weiß wohl, daß eine solche kleine Gabe nicht würdig ist, einer solchen mächtigen Fürstin überschicket zu werden, als die Schön Magelona, mein gnädiges Fräulein, ist. Jedoch alles, mein Leib, Gut und Vermögen, ist ihr. Auch wißt, liebe Frau, daß ihre übertreffliche Schöne mein Herz also gefangen und verwundt hat, daß ich's euch nicht länger verbergen kann. Darum es gar vonnöten ist, euch dieses zu eröffnen als mein Anliegen. Wann so sie mir nicht Gnade erzeiget, so bin ich der unglückseligst Ritter der ganzen Welt. Liebe Frau, ich sage euch in großem Geheim mein Herze und Gemüt; wann ich weiß und erkenne, daß ihr eine große Freundin seid der Schönen Magelona. So es euch nun nicht entgegen wäre, bitt ich freundlich, ihr wollet mein Gemüte ihr anzeigen. Wie wohl ich's um euch nicht verdient habe, bin ich doch willens, solches treulich zu verdienen.“

Sprach sie zu ihm: „Ich danke euch. Ich will auch alles, so ihr mir befohlen, treulich ihr anzeigen, verhoffe auch, eine gute Antwort euch wiederum zu bringen. Doch kann ich nicht verstehen, wie ihr solche Lieb vermeinet. Wann so ihr's verstündet für eine törichte und unzüchtige Liebe, so schweiget hinfürder, und redet nichts mehr davon.“

Da sprach der Ritter zu ihr: „Liebe Frau, ich müßt eines bösen Todes sterben, so ich je an eine solche Lieb oder Schande gedacht habe; sondern an eine ehrliche züchtige und treuliche Liebe, darinne ich ihr gerne wollte dienen.“

Als die Amme solches gehöret, saget sie: „Edeler Ritter, ich verheiß euch hiemit, die Sache gegen ihr treulich aus zu richten. Dieweil ihr aber itzunder mir anzeiget, ihr wolltet sie lieben aus züchtiger getreuer Liebe, warum verberget ihr dann euern Namen und Geschlecht vor ihr? Wann ihr möget vielleicht solches Adels und Geschlechtes sein, es würde zwischen euch mit GOTTes Hilf eine Eh beschlossen. Wann sie liebet euch aus ganzem Herzen, ihr hat auch getraumet von euch; und wann wir zwei bei einander alleine sein, so redet sie und ich alleine von euch.“

Da er solches hört, sprach er zu ihr: „Liebste Frau, dieweil ihr mir also viel gesaget, bin ich erfreuet worden. Und bitte euch freundlich, ihr wollet verhelfen, damit ich mit ihr zu reden kommen möge. So will ich ihr sagen mein Geschlechte, und alles, so sie von mir zu wissen begehret. Ich verhoffe auch, so sie mich gehöret hat, sie werde mich nicht verachten. Aber einem andern Menschen sage ich's nicht, ausgenommen ihr alleine.“

Da sprach die Amme zu dem Ritter: „Ich will's ihr sagen, wie ihr mich berichtet; will auch verhelfen, damit ihr mit ihr zu reden kommet.“