»Wie – was?« fragte der Freiherr verblüfft, während aus Alfreds Antlitz jeder Blutstropfen gewichen war. Jetzt fiel es wie Schuppen von seinen Augen, jetzt verstand er die Ahnungsschauer, die ihn so oft durchzuckt, jetzt wußte er's, daß es dieselbe Stimme, die Stimme der »Satanella« war, die damals in der Mondnacht auf dem Brunnenrande das Lied gesungen:

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit

Tönt ein Lied mir immerdar – –

»Die Identität der jungen Dame ist zweifelsohne,« schloß der Justizrat seine Chronik der Linie Friedrich Falkner.

»Also eine Opernsängerin, eine Theaterprinzeß, die Erbin vom Falkenhof,« sagte der Freiherr schneidend. »Man lernt nie aus, Justizrat!«

»Nein,« bestätigte dieser, in seinen Papieren kramend. »Ich kann aber mit Befriedigung feststellen, daß Donna Falconieros einen Leumund besitzt, wie, nun, wie ihn manche unserer höchsten Damen nicht hat – er ist tadellos hinsichtlich ihres Lebenswandels. Das ist doch wohl die Hauptsache!«

»Ja, die Hauptsache für sie selbst,« entgegnete der Kranke, sich ereifernd, »für mich aber ändert sie das Faktum nicht. Opernsängerin! Nun, da mag es mit den Gütern in Brasilien nicht weit her sein, ich sagte es ja gleich! Wir müssen diese Donna Dolores von der Erbfolge ausschließen, Justizrat!«

»Geht nicht,« entgegnete der Angeredete lakonisch. »Donna Dolores ist und bleibt die erbberechtigte Freiin von Falkner. Was sie privatim thut und treibt, geht uns nichts an! Außerdem enthalten die Lehensbestimmungen keinen Passus, der uns in dieser Angelegenheit dienen könnte.«

»Sie thut und treibt ihre Singerei aber nicht privatim, sondern sehr öffentlich,« sagte der Freiherr heftig.

»Aber nicht als Freiin von Falkner,« beharrte der Justizrat. »Sobald dieser Name außer Spiel bleibt bei ihrer Künstlercarriere, kann ihr Recht nicht angefochten werden, wenigstens nicht von dem Erblasser. Allerdings steht es den Agnaten frei, gerichtlich gegen die Erbin vorzugehen, wenn sie finden, daß ihre Beschäftigung eine mit ihrem Stande unverträgliche und ehrenrührige war, respektive ist.«