Frau Ruß war leichenblaß geworden – die Arbeit glitt der sonst unablässig Fleißigen aus der Hand, und sie saß, den Blick geradeaus gerichtet, wohl eine halbe Stunde da, ohne sich zu rühren, wie ein Steinbild. Endlich erhob sie sich mühsam, streifte die niederen Schuhe von den Füßen, schlich zu der Thür, durch welche ihr Gatte verschwunden war und sah durch das Schlüsselloch. Er saß, wie sie vermutet hatte, vor dem Rokokopult mit Aufsatz dessen er sich stets als Schreibtisch bediente, und schrieb – malte vielmehr mit der Feder, langsam und oft absetzend, auf einem Blatte Papier und sah oft dabei auf ein anderes Blatt, das vor ihm lag, das Frau Ruß aber nicht erkennen konnte. Er kopierte augenscheinlich etwas. Dabei hörte sie ihn öfters Ausrufe der Unzufriedenheit und Mißbilligung ausstoßen, und endlich stand er auf und öffnete links eine der kleinen schrägen Schubladen, welche den Aufsatz des Pultes an den stumpfen Ecken flankierten, und tastete mit der Hand, nachdem er die Lade ganz herausgezogen hatte, in der leeren Höhle umher, bis ein scharfes, schnappendes Geräusch von der angespannt Lauschenden vernommen wurde. Da erhob er sich und suchte in dem schrankartigen Mittelfach umher – was er dort that und trieb, deckte sein Rücken – Frau Ruß konnte es nicht sehen. Nach einer Weile aber hörte sie wieder das schnappende Geräusch, worauf Doktor Ruß die Schublade in ihr Fach zurückschob und seine Schreibereien zusammen zu packen begann.
Da kehrte Frau Ruß leise auf ihren Platz zurück und saß ruhig nähend da, als nach zehn Minuten ihr Mann wieder erschien, den Hut auf dem Kopfe und den leinenen Staubmantel an.
»Engels wollte um elf Uhr den Arzt wieder holen lassen,« sagte er, »und da mir Schreibmaterialien fehlen, so werde ich mitfahren und dieselben besorgen. Du magst mir also vom Lunch einiges aufheben lassen.«
»Ja,« nickte sie, »es ist gut. Wann soll ich mit dem Packen beginnen?«
»Das hat Zeit,« erwiderte er und ging.
Wieder saß Frau Ruß still, bis sie einen Wagen aus dem Stallhofe rollen hörte und sie, hinausspähend, Doktor Ruß in seinem Staubmantel fortfahren sah. Da erhob sie sich und ging in das Zimmer ihres Gatten und an dessen Schreibtisch, dessen Pult verschlossen war, wie die Schrankthüren des Aufsatzes. Zunächst suchte sie nun die Schublade an der linken, stumpfen Ecke des letzteren, und nachdem sie mehrere dieser langen engen Dinger herausgezogen und die Fächer untersucht hatte, fand sie in dem mittelsten derselben einen ziemlich flachen Knopf, welcher sich in einer Rille weiterschieben ließ. In der Aufregung, in welcher sie sich befand, machte sie sogleich ein Experiment damit, und ein scharf schnappendes Geräusch im Innern des Schränkchens belehrte sie, daß hier ein Mechanismus ein verborgenes Fach geöffnet haben mußte, und zwar ein in dem Schränkchen selbst zugängliches Fach. Doch wie hierzu gelangen ohne Schlüssel? Mechanisch zog sie ein kleines Schlüsselbund aus der Tasche, das ihre eigene Spinde und Kommode schloß, und ließ es nachdenklich durch die Finger gleiten. Es war unter den französischen Schlüsseln auch einer, der in eine kleine Rokokokommode paßte, in welcher sie ihre Hauben und feine Wäsche verwahrte – ein elendes Ding von einem Schlüssel mit verschnörkeltem Bartausschnitt. Diesen Schlüssel steckte sie zweifelnd und ohne seine Schließfertigkeit zu erhoffen, in das Schloß des Pultes – und siehe da, er schloß das primitive Schloß ohne Schwierigkeiten auf.
Klopfenden Herzens, aber mit vorsichtiger Hand zog sie die Ledermappe mit Löschblattfüllung, auf welcher ihr Gatte stets schrieb, heraus, und da lagen auch gleich die frischen Schriftproben – Blätter, auf denen der Schreiber einzelne Worte geübt und einzelne Buchstaben – alles in den charakteristischen, auffallenden Schriftzügen von Dolores Falkner! Und hier – hier war auch ein Brief von ihr mit nichtigem Inhalt, der als Vorlage für diese Übungen gedient haben mußte.
Vorsichtig schob sie alles wieder zusammen und schloß das Pult und – siehe da, der verachtete und oft geschmähte kleine Schlüssel schloß auch die Schrankthür des Aufsatzes auf. Nun probierte sie wieder den Knopf in dem Schubfache – er arbeitete leicht und sicher und öffnete in dem Schränkchen, das mit allerlei Bildern vollgeklebt war, wie man es oft in diesen alten Spinden findet, ein Geheimfach, dessen Thür unfindbar für den aufmerksamsten Sucher, mit einem bunten kleinen englischen Stich, der die Porträts des Königs Wilhelm III., der Königinnen Mary II. und Anna und deren Gemahl, dem Prinzen Georg von Dänemark, trug, verkleidet war – ein seltenes Schmähblatt dadurch, daß es die für die letzten Stuarts schmeichelhafte Unterschrift trug:
There is Mary the Daughter, and Willy the Cheater,