And Georgie the Drinker, and Annie the Eater. – [2]

[2]: Seltenes Flugblatt aus der Regierungszeit Wilhelms III. von England und der Königin Mary II.

Frau Ruß interessierte dies illustrierte Pamphlet von der Größe eines Oktavblattes aber gar nicht. Mit fliegender Hand langte sie hinein in das Fach – es enthielt nichts als ein paar Pappschachteln mit weißem Pulver ohne Aufschrift, nur mit lateinischen Ziffern in I und II numeriert und ein kleines Fläschchen von blauem Glase mit Glasstöpsel. Vorsichtig zog sie diesen halb heraus und roch daran – ein betäubender Duft von bitteren Mandeln machte sie aber sogleich zurückfahren und aufhusten. Schnell setzte sie alles wieder an Ort und Stelle, schloß Geheimfach und Schrank, schob die Schublade in ihr Fach und setzte sich dann hin, die Hände verschränkend und dachte nach.

Aber nicht lange, denn ein Blick auf die Uhr ließ sie bald wieder aufschrecken. Schnellen Schrittes verließ sie das Zimmer und fragte draußen im Korridor nach Mamsell Köhler, zu welcher sie in die Speisekammer gewiesen wurde.

Dort, in dem kühlen, gewölbten Raum stand das kleine graue Hausgeistchen des Falkenhofes und hatte alle Hände voll zu thun, um zum Lunch kalten Schinken, Roastbeef und Braten aufzuschneiden, Pasteten mit goldklarem, pikantem Aspic zu verzieren und eine Schüssel delikaten russischen Fleischsalates mit zierlich ausgestochenen roten Rüben, Pilzen, Haricots u. s. w. zu garnieren, indes drüben in der Küche die warmen Gerichte auf dem mächtigen Herde in kupfernen, spiegelblanken Kasserollen und Töpfen, welche zum Lehen gehörten und mit dem Falknerschen Wappen graviert waren, zischten, brodelten und brieten.

Frau Ruß trug das Anliegen ihres Mannes wegen Aufhebens von Essen für ihn vor.

»Sehr wohl, Frau Baronin, soll besorgt werden,« versprach Mamsell Köhler, welche nie unterließ, Frau Ruß ihren Titel aus der ersten Ehe zu geben, wie sie Lolo Falkner stets mit einer Sündflut von »Durchlauchts« überschüttete, wo sich es thun ließ. »Ich weiß wieder nicht, wo mir der Kopf steht,« schwatzte sie weiter, eine dem Eisschrank entnommene Blechbüchse mit Kaviar öffnend und den milden, grauen, großkörnigen Inhalt in eine Schüssel entleerend. »Die Herren Offiziere können jeden Augenblick von dem Manöver zurückkommen und haben dann stets einen gottgesegneten Hunger. Lieber Himmel, mit solchem Appetit aß unsere gnädige Baronesse früher auch, und jetzt –? Was hat sie sich bestellt? Ein Kaviarbrötchen und eine Scheibe Roastbeef! Wie für einen Sperling! Und wird auch davon noch die Hälfte herunterschicken, da wette ich darauf!«

Während Mamsell Köhler ihre Zunge gehen ließ wie ein wohlgeöltes Maschinenrad, musterte Frau Ruß den Inhalt dieses geschmackvollen Raumes, insbesondere aber ein Regal, auf welchem Kolonial- und Spezereiwaren in weißen Porzellanfäßchen mit Aufschrift des Inhalts standen. Daneben waren Blechkästen und Büchsen mit Thee, Cakes und Dessert aufgestellt – alles so appetitlich und einladend wie möglich, wie es eben »nur Mamsell Köhler« verstand.

»Haben Sie noch gebrannte Mandeln?« fragte Frau Ruß.

»Sind leider ganz alle, Frau Baronin,« seufzte die Kleine mit Bedauern und viertelte eine Citrone. »Ach Gott, überhaupt die Süßigkeiten! Die essen die jungen Herren Leutnants auch wie das liebe Brot – tellerweise! Und dabei noch die viele Schlagsahne – man wundert sich bloß, daß den jungen Herren nicht manchmal schlecht wird in dem Magen –«