»Haha!« pustete der alte Herr, »na, dann nicht, liebe Seele! Ich werde an dem Ungenannten nicht ersticken! Herr Gemahl war aber kolossal positiv, ja, ja! Hat Selbstmordgedanken, die schöne Herrin vom Falkenhof – lustige Gesellschaft, frische Luft – ein chacun für die chacune, das ist die richtige Medizin dafür – werden ja sehen – hm, hm –!«

»Selbstmordgedanken?« fragte Frau Ruß, entsetzt stehen bleibend.

»Pst! So 'was sagt man nicht so laut wie Sie,« tuschelte der Doktor. »Dazu braucht's aber keine Apotheke, sondern man muß es eben nur wissen! Ja, wenn ich zur Diagnose immer die Winke des Herrn Doktor Ruß hätte, dann wollt' ich sie schon immer richtig stellen!« – – –


In den nächsten zwei Tagen wurde es wieder besser mit Dolores, so daß sie spazieren fahren und sich auch etwas an der Gesellschaft beteiligen konnte. Von Monrepos kamen täglich Boten nach dem Falkenhof, welche sich nach dem Befinden der Kranken erkundigten – Falkner selbst aber kam nicht, denn Lolo behauptete, sie könnte kranke Leute nicht leiden und es nicht hören, wenn jemand von seinem Tode redete – ihr sei gar nicht zum Sterben zu Mute, im Gegenteil –!

Und so hielt auch er sich fern und hörte nur von Keppler Genaueres. Danach war sie ja, mit Ausnahme des bleischweren Gefühls in den Gliedern, einiger Frostanfälle und Stunden gänzlicher Apathie, relativ wohl, ja selbst heiter, und klagte nur über die schlaflosen Nächte, die so langsam und tödlich bedrückend dahinschlichen. Der gute Doktor Müller mit seiner Rußschen Diagnose kam nicht mehr wieder.

»Einquartierung hilft besser als ich,« hatte er pfiffig behauptet, Dolores Sekt und Kaviar verordnet und war froh gewesen, die langen Fahrten nach und von dem Falkenhofe wieder mit seinem gewohnten Skat im »Grünen Hirsch« zu Kuckucksnest vertauschen zu dürfen. Von einem anderen Arzte wollte Dolores nichts wissen, und die Gesellschaft der darauf dringenden Frau Ruß vermied sie möglichst, besonders unter vier Augen.

Am Abend des vierten Tages, als Gräfin Schinga, die ihr treulichst Gesellschaft leistete, nach Hause gefahren war, trat Doktor Ruß bei der müde und abgespannt dasitzenden Dolores ein.

»Ich kann es gar nicht mehr mit ansehen, daß Sie nicht schlafen,« sagte er sanft und teilnahmsvoll. »Darum bin ich heut' Nachmittag nach der Stadt gefahren und habe mit Doktor Müller gesprochen. Derselbe konnte leider nicht selbst kommen, hat mir aber ein Schlafmittel für Sie mitgegeben, welches Sie in Wasser nehmen sollen, sobald Sie fühlen, daß der Schlaf wieder nicht von selbst kommt.«

»O, ich danke Ihnen tausendmal,« rief Dolores, das Fläschchen von blauem Glase entgegennehmend, das er ihr reichte.