»Ich habe das Rezept gelesen,« meinte Doktor Ruß. »Chloralhydrat mit etwas Sirup und Bittermandelwasser – es wird schon seine Dienste thun.«
Damit wollte er sich entfernen, doch Dolores reichte ihm nochmals die Hand.
»Gute Nacht und herzlichen Dank,« sagte sie, und fügte hinzu: »Durch diesen Zaubertrank kann ich ja mit Wallenstein sagen:
Ich denke einen langen Schlaf zu thun,
Denn dieser letzten Tage Qual war groß.
Freilich hatte der Generalissimus einen längeren Schlaf als er dachte, denn er wurde ermordet.«
»Gute Nacht,« erwiderte Doktor Ruß so leise und mit so veränderter Stimme, daß Dolores dieselbe gar nicht wieder erkannte. Und er glitt zur Thür hinaus wie ein Schemen.
Ein Weinglas mit Wasser neben sich nebst der blauen Flasche, legte sie sich zeitig zur Ruhe und wartete auf den Schlaf, doch derselbe kam nicht. Nebenan in dem Ankleidekabinett war Tereza eingeschlafen – die treue Seele hatte all' die vorigen Nächte gewacht und war zu Tode ermüdet.
Auf dem Uhrturm des Falkenhofes schlug es elf Uhr, und als es Mitternacht schlug, machte Dolores Licht, goß den Inhalt des Fläschchens in das Wasser und trank das stark nach bitteren Mandeln duftende Medikament in einem Zuge aus. – – – – –
Und es schlug Eins. Da erhob Dolores sich resigniert von ihrem Lager, weil doch auch das Schlafmittel nicht wirken wollte, warf ihren Schlafrock über, nahm ein Licht und ging in die kleine Bibliothek, mit Lesen die langen, langen Nachtstunden zu kürzen.