Sie entzündete eine Lampe und holte ein Buch, aber es wollte nicht gehen mit dem Lesen, denn sie war zu müde, ihre Augen zu übernächtig. Und weil die Augen sie schmerzten von dem vielen Wachen und vom Licht, so lehnte sie sich zurück und schloß die Lider, und wer jetzt hineingetreten wäre, hätte sie müssen für gestorben halten, so blaß und regungslos saß sie da in dem matten Lichte der bläulichen Glaslampe. Mit einem Mal war's ihr, als hörte sie nebenan im Saal eine Thüre gehen und leise, leise Schritte – – »Tereza,« dachte sie müde und blinzelte unter den Lidern hervor nach den Portieren, welche den Saal von dem Kabinett abschlossen. Und die Schritte kamen näher und hin und wieder knisterte unter ihnen ein locker gewordenes Teilchen des alten Parketts – endlich ward die Portiere zurückgeschlagen und – – Doktor Ruß stand auf der Schwelle.

Dolores sah ihn stehen und der Gedanke durchfuhr sie: »Was will er hier, mitten in der Nacht?« Still und ruhig blieb sie sitzen, die Augen geschlossen, und leise, leise schlich er näher und stand endlich dicht vor ihr und beugte sich herab, auf ihre Atemzüge zu lauschen, die sie künstlich zurückhielt.

»Sie ist tot,« murmelte er, griff in die Brusttasche seines Rockes und zog ein Blatt Papier hervor, das er auf den Tisch legte.

Da schlug Dolores die Augen auf zu ihm.

»Was wollen Sie hier, Doktor Ruß?« fragte sie laut.

Da fuhr er zurück mit einem heiseren Schrei, der wie das Brüllen eines gereizten Panthers klang.

»Was haben Sie mich erschreckt,« sagte er nach einer sekundenlangen Pause gefaßt, »ich dachte, Sie schliefen –«

»Den ewigen Schlaf. Sie sagten so,« ergänzte Dolores.

Langsam trat er wieder näher und legte die Hand wie zufällig auf das Papier auf dem Tische.

»Sie sahen so furchtbar bleich aus,« entgegnete er. »Das macht dies nichtswürdige blaue Licht,« setzte er hinzu, und es klang wie wenn er dazu mit den Zähnen knirschte. Dabei fuhr die Hand mit dem Papier zurück in die Brusttasche.