Zu gleicher Zeit mit ihm traf der Arzt aus Berlin ein, den Engels von der Station geholt, und Falkner wartete, nachdem er ihn hinaufgeführt hatte, im Ahnensaal, bis die Konsultation zu Ende sein würde.
Mit begreiflicher Spannung trat er dem berühmten Manne entgegen.
»Ich muß bis zum Abend hier bleiben, um den Erfolg eines Mittels abzuwarten,« sagte er auf Falkners Frage. »Es scheint hier eine komplizierte Vergiftung vorzuliegen, welche Ihre Frau Mutter mir auch bestätigt hat. Leider hat das Gift schon größere Fortschritte in dem Körper gemacht, welche bedauern lassen, daß nicht früher Hilfe dagegen angerufen worden ist.«
Hier trat Frau Ruß ein, da sie ihres Sohnes Stimme gehört und der Arzt benutzte ihre Anwesenheit, um sie zu fragen, auf welche Weise Dolores zu dem Gifte gekommen sei, ob durch Unvorsichtigkeit, aus eigener Initiative, oder durch fremde Personen.
»Der zweite Fall ist ausgeschlossen, und wir fürchten auch der erste,« erwiderte Frau Ruß fest, und als der Arzt überrascht aufsah, setzte sie hinzu: »Es ist der dringende Wunsch meiner Nichte, daß von dem Verdacht gegen eine Person nichts in die Welt dringt. Der Arzt ist ja in so vielen Fällen auch ein Beichtvater – lassen Sie, Herr Professor, also diese Mitteilung unter dem Beichtsiegel Ihres Wortes nicht aus dem Falkenhofe herausdringen, denn er betrifft ein Glied der Familie.«
»Ich verstehe,« sagte der berühmte Mann, »und ich werde schweigen. Nur könnten Sie mir meine Arbeit wesentlich erleichtern, wenn Sie mir einen Anhalt über die Natur des Giftes geben könnten, falls dies im Bereiche der Möglichkeit liegt.«
Aber Frau Ruß schüttelte mit dem Kopfe – sie wußte, daß der Inhalt der gewissen Pappschächtelchen aus dem Geheimfach des Rokokosekretärs verschwunden war – ob er das Gift enthalten, war dabei noch immer fraglich, und sie klagte sich jetzt an, daß sie nicht Proben davon entnommen.
»Ist meine Cousine in Gefahr?« fragte Falkner dann und sah den Arzt fest an.
»Ja,« sagte dieser ohne Bedenken. »Die Gefahr ist nicht unmittelbar, aber sie droht ohne Zweifel.«
»Und ist noch Hoffnung?« fragte Falkner leiser.