»Laß uns zum Sarge der Ahnfrau gehen,« flüsterte sie, »ich habe hier drei Rosen für sie – die weiße ihrer schuldlosen Tage, die rote ihrer Leiden und die goldfarbige ihrer Verklärung –«
Der Herr nickte und sie traten ein in die Bleikammer der Gruft. Dort schob er den nur eben aufgesetzten, schweren Deckel des Prunksarges zurück, und sie beugten sich beide herab, das einst so schöne Antlitz zu sehen, das den unseligen Bruderzwist entfacht und nach mehr denn zwei Jahrhunderten noch völlig kenntlich und wunderbar erhalten war.
Und die Dame nahm die drei Rosen und legte sie leise und vorsichtig, um den Körper nicht zu berühren, der Ahnfrau auf die Brust, und als sie die Hand kaum zurückgezogen, da geschah etwas Seltsames:
Vor den Augen der beiden zerfiel der sterbliche Rest der Freifrau Maria Dolorosa von Falkner zu Staub und binnen wenigen Minuten, während denen sie staunend neben dem entschwindenden Körper standen und schauten, ward der Raum in dem Sarge leerer und leerer, und zuletzt lagen auf dem Boden desselben inmitten einer grau scheinenden Asche nur noch die Schmucksachen, welche man ihr mitgegeben, und – die drei frischen Rosen von liebender Hand.
Das Paar aber stand stumm und reichte sich die Hände über den Sarg hinweg, durchschauert in tiefster Seele von Ehrfurcht vor dem, in dessen Hand wir nur Staub und Asche sind. Und da war es beiden zu gleicher Zeit, als hauchte ein unsichtbarer Mund einen Kuß auf ihre Stirn und ein kühler Hauch berührte sie, wie wenn jemand vorüberschritte an ihnen.
Da sank die Dame erschüttert in die Kniee.
»Sie ist erlöst – jetzt wird sie der Engel Alleluja hören, nach dem sie sich so lange gesehnt!« flüsterte sie.
»Sie ist erlöst,« sagte auch er, aber laut und freudig und überzeugt, und zog die Knieende empor an seine Brust.
Denn das Paar, es ist Alfred und Dolores von Falkner, das letzte Edelfalkenpaar hat sich gefunden, und der Falkenhof hat wieder einen Herrn und eine Herrin.
Dolores hatte lange ringen müssen mit dem Tode und hatte über ihn gesiegt. Mit Frau Ruß war sie dann nach dem Süden gegangen, dessen warme Sonne ihr die entschwundene Lebenskraft zurückgab – nicht auf einmal, aber allmählich Schritt vor Schritt. Und nachdem Lolo Falkner schon mehr als ein und ein halbes Jahr ruhte in der Falkengruft unter dem Spruche des Propheten Tobias, da kam Alfred Falkner auch nach dem Süden, und dort, unter dem blauen Himmel von Capri legten sie die Hände zusammen zum Bunde fürs Leben – die Herzen hatten sich ja längst gefunden.