Falkner aber konnte heute nicht zur Ruhe kommen, denn die erlebten Scenen hatten ihm einen starken Stoß gegeben. Ihm graute vor der Zukunft, ihm graute vor dem, was hinter ihm lag, nur beides in verschiedener Weise. Was sollte daraus werden? Wie würde die Frau erst die Würde verlieren, welche die Braut schon, wie vorhin, mit Füßen trat, als ob solch' zertretenes und zerknülltes Ding sich wieder ganz glätten und mit Erfolg anziehen ließe! Und wenn er sich als redlich wollender Mensch auch vorzustellen versuchte, daß vielleicht gerade dies unverdrossene »Erziehen,« das Prinzeß Alexandra an der ihr anvertrauten Schwester erprobt, zu dem negativen Resultat geführt hatte, weil nicht eben jede Natur sich in die Form pressen läßt, die andere für sie ausgesucht und ausgeklügelt haben, so war es doch immerhin noch zweifelhaft, in welcher Form der eigenwillige Sprühteufel aus seinen Händen hervorgehen würde. Und es ist auch solch' eine eigene Sache mit der Erziehung der Frau durch den Mann, denn wenn die Liebe der ersteren nicht groß und nicht stark genug, wenn ihr Charakter nicht doch schon so fest ist, um ihn unbedingt dem ihres Mannes anzupassen, so giebt's doch nur einen Mißklang, den das »Erziehen« nur noch schlimmer macht, wenn's eben so betrieben wird, daß es ein Schulmeistern bleibt und nicht ein ganz unbewußtes Führen an der Hand der Liebe, die ja alles vermag. Denn wenn den Menschen etwas toll machen kann, widerspruchsvoll und eigensinnig, so ist es unablässiges Reden, Korrigieren und Verweisen.

Das alles sagte sich Falkner ohne Beschönigung, und dabei mußte er an die Ironie des Schicksals denken, das ihm jetzt als zu hoch vorstellte für seine Wünsche, was ihm früher zu niedrig gewesen. Und als ihm dann die Augen aufgingen und er sich bücken wollte und dem so niedrig geglaubten Wesen die Hand reichen, da war es zu weit geworden dazu, und jetzt –? Jetzt war es zu hoch und vielleicht auch zu spät. Vielleicht? Nein, es war gewißlich zu spät, denn er war gebunden, gebunden durch sein Wort und durch seine Ehre. Und als er dessen gedachte, da preßte er die Zähne fest zusammen.

»Vorwärts,« sagte er sich, »vorwärts und nicht rückwärts geschaut – das hat noch kein Falkner gethan. Und sie drüben im Falkenhof, sie wird es auch so halten, denn nicht umsonst tragen wir die Devise: ›Alle Falken ehrlich!‹«

III.

Ich sprach zum Geier: Reiß aus dem Herzen

Den Namen mir, der drin gegraben steht,

Vergessen lernen will ich und verschmerzen. –

Der Geier sprach: »Es ist zu spät.«

E. Geibel nach François Coppée.