Die Redensart: »Man weiß nicht was der nächste Tag bringt,« ist eine oft gedankenlos gehörte, gedankenlos gesprochene – d. h. gedankenlos im Sinne des Gewohnheitsmäßigen, das ja meist gedankenlos ist, weil maschinenhaft. Es denken aber wirklich nur wenige an den tiefen Sinn der Redensart vom nächsten Tage und der Ungewißheit menschlicher Vorausbestimmung, denn mit demselben Recht wie den nächsten Tag, können wir die nächste Stunde nennen, und auch von den sechzig Minuten dieser kurzen Zeitspanne, die vielen so lang werden kann, ist keine einzige, über die wir mit Gewißheit gebieten können. Und das ist einer der größten Beweise göttlicher Weisheit, daran geistiger Hochmut jene Demut lernen könnte, die der Heiland von uns verlangt.
Es ist ja nicht allein, daß der menschliche Geist, dessen Stärke die Tiefen der Erde und die Höhen der Luft durchdringt, dessen Ziel keine Grenzen kennt, daß dieser willensstarke Geist machtlos steht wie ein Kind vor der nächsten Stunde, von der er zwar sagt: ich werde sie so oder so ausfüllen und anwenden. Aber der menschliche Geist in seinem Hochmut – dem schlimmsten, den es giebt – im Vollgefühl seiner Stärke, durch die er Großes geschafft und noch Größeres schaffen will – was ist er im Angesicht jener Macht, die ihm die nächste Stunde nicht einmal anvertraut zur eigenen Verfügung? Was ist er, daß er diese Macht so gerne leugnet und sich über sie stellt? Die Antwort ist tief demütigend. Und so hat's der Schöpfer wohl gewollt in seiner Weisheit, doch wer denkt daran, wenn man sagt: »Ich werde dann das und das thun, morgen jenes vornehmen und in Wochen, in Monaten soll dies geschehen –« Es ist, als wenn ein Kind sagt: »Mutter, ich werde den Mond herunternehmen und putzen – er sieht so trübe aus.« Ja, da lächeln wir wohl oder ärgern uns gar über den kindlichen Unverstand, über das Unsinnige solcher Reden, für die, wenn ein Erwachsener sie anwendet, er sicherlich unter geistige Bewachung kommt, d. h. für verrückt erklärt wird, aber sind wir denn anders als die Kinder mit ihrem »ich werde das und das thun?« Darin eben liegt der Hochmut, der Größenwahn des menschlichen Geistes, der mit Bewußtsein darüber gebietet, worüber er keine Macht hat, nur das er sich diese Machtlosigkeit nicht klar macht, nicht klar machen will in jener Selbsttäuschung, die so süß ist. Und darum sage ich, daß die Redensart: »Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt,« nur gedankenlos in Anwendung kommt, denn wäre man sich klar darüber, man würde mit weniger Sicherheit und mehr Demut über denselben verfügen.
Auch der Tag nach dem Schingaschen Feste brachte Veränderungen in den herzoglichen Landaufenthalt, welche man vor vierundzwanzig Stunden noch für unmöglich gehalten. Man hatte schon so schön für kommende Tage »Bestimmungen zu treffen geruht,« man »gedachte« noch etwa zwei Monate in der stillen Zurückgezogenheit von Monrepos zu verleben, dann die Hochzeit der Prinzeß Lolo in kleinem Kreise zu feiern u. s. w. u. s. w. Und während man noch über all' das Beratungen pflog, reiste das kleine, beschriebene Blättchen Papier schon, das alles, alles änderte und umstürzte.
Dieses Briefblatt aber war ein Heiratsantrag für Prinzeß Alexandra.
»Als ich vor fünf Jahren um den unschätzbaren Besitz Ihrer Hand bat,« schrieb der Fürst, von dem er kam, »da sagten Sie mir, Ihre Mission an Ihrer Prinzeß Schwester sei noch nicht erfüllt, und Sie hätten sich gelobt, Ihren Posten nicht eher zu verlassen, bis Eleonore von Nordland versorgt und geborgen sei. Ihr Entschluß schien unabänderlich damals, und ich mußte mich ihm beugen, doch ich ging mit Ihrem Geständnis, daß ich Ihnen nicht gleichgültig sei. Heut' höre ich, daß Prinzeß Eleonore sich vermählt, und unverweilt klopfe ich wieder an Ihre Thür und an Ihr Herz, und wenn Jakob um Rahel auch noch länger freite – fünf Jahre geduldigen Wartens aber sind für unsere kurzbemessene Lebensspanne wohl auch eine Probe, eine Liebesprobe, Alexandra, von der ich hoffe, daß sie nicht umsonst war –« – – – – – – – – – – – – – – – Und sie war nicht umsonst. Was lange Jahre hindurch verborgen und ungeahnt von andern im Herzen dieses edlen Fürstenkindes geruht, es wachte auf mit diesen Zeilen und sehnte und drängte ans Tageslicht, denn das Glücksbedürfnis lebt in jeder Menschenbrust und stirbt nicht, wenn es auch künstlich zum Schlafen gebracht wird.
Der alte Herzog war entzückt, als seine Tochter ihm von diesem Briefe erzählte, denn er liebte den Schreiber desselben, und der Korb, den er vor fünf Jahren erhalten, hatte ihn mit großem Unwillen erfüllt, ganz abgesehen von den übrigen Körben, welche sie in Abundanz ausgeteilt. Aber der treffliche alte Herr ward noch viel mehr entzückt, als Prinzeß Alexandra ihm auf sein Befragen errötend gestand, daß sie die Hand des treuen Bewerbers annehmen wolle. Auch der Erbprinz war hoch erfreut, doch Prinzeß Lolo sagte lachend:
»Also den alten, langweiligen Stiefel willst du heiraten? Na, dann guten Morgen! Was doch die Leute für verdrehte Geschmäcker haben!«
Unwillig verwies Prinzeß Alexandra ihrer Schwester einmal die schlechte Grammatik ihrer Apostrophe, dann aber besonders scharf den ganz unpassenden Ausdruck »Stiefel« für einen Menschen, der ihr so hoch stände – einen Ausdruck überhaupt, der sich wohl für die Grooms schicke, nicht aber für eine Dame von hoher Geburt.
Die kleine Durchlaucht war aber nicht mundtot zu machen.