»Bitte, ich habe den famosen Ausdruck schon gefürstet gebraucht,« entgegnete sie, »denn die Grooms sagen: Stiebel!«
Prinzeß Alexandra wandte sich ernstlich erzürnt ab mit der Frage, woher ihr die Kenntnis des Stalljargons käme.
»Ich höre ihnen immer vom Balkon aus zu, wenn sie die Pferde putzen und satteln,« gestand Prinzeß Lolo lachend, »und dabei sangen sie gestern ein reizendes Lied:
Stiebel, du mußt sterben,
Bist noch so jung, jung, jung!«
Prinzeß Alexandra gab es seufzend auf, hier noch Unkraut jäten zu wollen und dachte über das Rätsel der Natur nach, daß trotz sorgfältigster Erziehung und gänzlicher Fernhaltung alles und jedes Gemeinen ein Wesen dennoch die Gassenhauer der Grooms für »reizend« erklären und den ungeschminkten Naturlauten dieser Menschenklasse überhaupt mit Vergnügen und ersichtlich mehr Erfolg als den höchsten Erziehungsprinzipien lauschen kann. Und wenn Prinzeß Alexandra in dieser bittern Stunde der Erkenntnis, daß ihre Opfer umsonst gebracht und verfehlt waren, es thatsächlich bereute, das ersehnte Glück nicht schon vor fünf Jahren erreicht zu haben, so wird ihr dies niemand verargen können, denn das Bewußtsein treuester Pflichterfüllung konnte ihr selbst diese egoistische Regung nicht rauben.
Mit wendender Post traf auf das gegebene Jawort ein dreifacher Brief des Entzückens von dem fürstlichen Bräutigam an den Herzog, den Erbprinzen und die hohe Braut selbst ein; doch neben der Verheißung, daß die Werbung in aller Form und der nötigen Etikette wiederholt werden sollte, wurde auch die Bitte dringend laut, verschiedener Angelegenheiten wegen den Termin der Vermählung zu beschleunigen, und da diese Angelegenheiten dem Herzoge zwingender und wichtiger deuchten als die ersichtliche Ungeduld des endlich Erhörten, das langerwartete Glück auch zu besitzen, so wurde als zeitigster Termin der Hochzeit der Geburtstag der Prinzeß, sechs Wochen de dato fixiert. Doch da hierbei auch der Brautstand der Prinzeß Lolo in Betracht kam, d. h. die Stellung, welche dem Freiherrn von Falkner bei den Vermählungsceremonien einzuräumen war, der zur Konferenz zugezogene Kammerherr als stellvertretender Hofmarschall aber der entschiedenen, von Fräulein von Drusen eingeimpften Ansicht war, daß eine Stellung bei der Vermählung der älteren Prinzeß mit einem regierenden Fürsten dem Freiherrn von Falkner nur als Gatten der jüngeren Prinzeß zu geben sei, indem ein – hm, hm – unebenbürtiger, also auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifizierter Bräutigam einer Prinzeß überhaupt gar keine Stellung habe, so wurde die Vermählung dieses Paares um acht Tage früher als die andere fixiert und Falkner dies mitgeteilt. Es bedurfte übrigens gar nicht der drastischen Neckereien des Prinzeßchens, mit denen sie Falkner »sein auf diplomatischem Wege amtlich nicht notifiziertes Bräutigamsdasein« drollig genug vorhielt, um ihn verstehen zu machen, was der Grund dieses beschleunigten Hochzeitstermins war, denn er hatte lange genug an Höfen gelebt, um das zu begreifen, aber im Grunde war er ganz damit zufrieden. Das Band war ja durch ihn nicht mehr löslich, und ob es zwei oder drei Monat später für ihn zur lebenslänglichen Fessel wurde oder in fünf Wochen – was that das?
Doch es wurde noch mehr beschlossen im Rate der Familie, denn da man das Ende des Juli noch für zu früh im Jahre hielt für den programmmäßigen Ausflug nach dem Süden, so ward die Ummöblierung von Monrepos alsbald festgesetzt, damit das junge Paar daselbst seine Flitterwochen verleben konnte. Andere Vorschläge von seiten des Bräutigams wurden, als nicht üblich, gar nicht erbeten, und auch Prinzeß Lolo opponierte nicht, denn es war schon eine ganz andere Sache, Schloßherrin auf Monrepos zu sein, nach dem berühmten Muster Cäsars, welcher auch lieber auf dem Dorfe der erste, als in Rom der zweite war. Zudem spukten in dem blonden Köpfchen eigene Ideen von Visiten in Stadt und Land – und es sollte ganz amüsant werden auf Monrepos. »Die alte Bude soll sich wundern, wie ich sie aufmöbeln und aufkratzen werde,« gelobte sie sich innerlich.
Doch so sehr des Herzogs Vaterherz sich freute über das Glück seiner Töchter, die er so gern echt bürgerlich und gemütlich »seine Mädels« nannte – die fortgesetzten Konferenzen, Korrespondenzen und Depeschenwechsel dieser letzten Tage versetzten sein ruhebedürftiges Gemüt in einen harten Anklagezustand gegen das Schicksal, das ihm nicht 'mal seine paar Sommermonate in Ruhe gönne und seinen Rosen ungestraft gestatte, so wilde Triebe anzusetzen, als ihnen beliebe, denn wer kam in diesem Trubel dazu, auch nur eine Raupe von den Stämmen zu lesen? Und nun sollte es gar vorzeitig zurückgehen in die staubige Residenz, in das große Schloß mit dem englischen Park, in welchem ihm die Etikette verbot, zu arbeiten – kurz, er sollte um zwei volle Monate eher aufhören, ein Mensch zu sein! Das war mehr für das geduldige Temperament des trefflichen alten Herrn, als er es ertragen konnte, und Entschlüsse, welche vorläufig nur als schwarze Gedanken in seinem Busen geruht, wurden in ihm reif – Entschlüsse, welche zwar nicht erschütternd an die Fundamente seines Landes und des Reiches griffen, welche aber für sein Haus immerhin Bedeutung hatten. Und nun war die Reihe, Konferenzen abzuhalten, an ihm – d. h. er legte, als seine Entschlüsse zur Reife gediehen und unwiderstehlich in ihm aufstiegen, Gartenschere und Okuliermesser mit der Entschiedenheit und der Hast beiseite, welche ebensosehr auf eine Unabänderlichkeit seiner Ideen, als auch auf deren rasche Erledigung deuteten, und nachdem er sich noch etlichemal die Hände gerieben und ein halb Dutzend Mal um ein Rosenrondel gegangen war, ließ er seinen Sohn, den Erbprinzen, zu sich bitten und blieb mit demselben nahezu zwei Stunden eingeschlossen. Des Herzogs Kammerdiener hörte seinen hohen Herrn dabei mehrmals mit erhobener Stimme reden – aber was immer auch besprochen wurde, es hatte einen friedlichen und befriedigenden Ausgang, denn als nach besagten zwei Stunden der Herzog mit seinem Erben wieder hinaustrat in den Garten und der Erbprinz nach seinem Hute griff, da reichte der Vater dem Sohne die Hand.
»So, dann Glück auf, mein Junge,« sagte er herzlich. »Es hat so kommen sollen – und contre la force il n'y a point de résistance. Die zwingende Gewalt liegt eben im Menschen selbst – das ist die Natur. Willst du heut' noch nach dem Falkenhofe?« –