„Sehr richtig; aber sie kreuzigten ihn. Ich finde übrigens, daß der Gott der Liebe und der Barmherzigkeit längst Ihrem Volke vergeben haben müßte, und glaube, daß er es hat. Ich nehme nur einen allliebenden Vater, einen vergebenden Gott an. Diese Ansicht theilen aber nicht die orthodoxen Consistorien oder Bischöfe, die mehr das Wort, als den Geist der christlichen Lehre anwenden. Die immer weiter fortschreitende Civilisation oder die wahre Aufklärung wird aber bald, wie ich es hoffe, den Unterschied der Religionen gänzlich verschwinden lassen, und in dem rechtschaffnen Israeliten nicht den Juden sondern nur den rechtlichen Bürger betrachten. Eine Frucht dieser Aufklärung sehen Sie schon an Sich selbst, lieber Samson. Wer, in diesem Keller, dächte jemals daran, daß Sie ein Jude wären, wenn Sie nicht selbst die Rede darauf brächten? Sie sehen: die Aufklärung bahnt sich überall einen Weg und kann sie nicht von Oben durchdringen, so steigt sie aus einem Keller hervor. Die Wege der Vorsehung sind sonderbar!“

„Schön, schön!“ meinte Herr Kannegießer. „Aber mit den Juden, das geht doch nicht. Die sind nur immer auf das Betrügen aus. Geben wir ihnen das Bürgerrecht, dann sind wir Christen ganz unterdurch.“

„Wer ist daran Schuld, als wir? Warum sperren wir ihnen die Wege sich als gute Bürger zu nähren? Warum schließen wir sie von allen bürgerlichen Gerechtsamen aus? Was bleibt den guten Juden anders, als durch Handel und Wandel, wie man es nennt, zu leben, zu gewinnen? Wenn die Juden betrügen, so sind wir allein Schuld daran.“

„Was sind das für Gespräche,“ rief Herr Herrmann Bleicamb aus, der bisjetzt mit Aufmerksamkeit der Unterredung gefolgt war und mit seinen kleinen listigen Augen bald Beifall, bald Unwillen den Redenden zugeblinzelt hatte; „habt Ihr die Weisheit mit Löffeln gefressen und wollt uns hier mit diesem einfältigen Geschwätze die Ohren vollbrummen? Ist das ein Keller-Gespräch? Es ist nichts Lächerlichers, als über Politik und Religion zu sprechen! Die eine bringt einen meistens ins Gefängniß und die andere ins Tollhaus. Du da, dicker, alter Säufer! Was geht dich die Religion an? Jud’ ist Jud’ und Christ ist Christ, und nun wieder vorby! Timm! Wein her! Juden und Christen sollen leben!“

Wir riefen Alle: „hoch!“

Während dieses Toastes ließen sich starke, männliche Tritte auf dem Gange vernehmen.

„Das ist der Baron!“ rief der Küper.

„Der kommt zur rechten Zeit;“ meinte Herr Keball.

„Nun wirds gar toll werden;“ sagte Herr Kannegießer.