„Waren Sie auch im Dithmarschen?“ fragte Herr Kannegießer. „Mir däucht, es sieht dort schlimm aus. Was glauben Sie sonst von den politischen Begebenheiten? Bekommen wir Krieg oder Frieden?“

„Krieg bekommen wir wohl nicht so leicht,“ bemerkte Herr Moses Samson, seine thönerne Pfeife am Tische ausklopfend. „Krieg kostet Geld, und die großen Herren haben kein Geld.“

„Das ist Recht,“ meinte Herr Kannegießer, „das ist ein großes Impediment. Ohnehin kann jetzt nicht leicht einer von den großen Mächten Krieg anfangen, wenn die anderen nicht consentiren. Die großen Herrn haben zu viel in ihren eigenen Ländern zu thun. Außerdem fürchtet der Engländer den Franzosen, und der Franzos ist selbst nicht sicher in seinem Lande. Rußland und Preußen fürchten die vereinte Macht Frankreichs und Englands, und Oesterreich liebt die Ruhe. Was sagen Sie aber zu Mehemet Ali? Das ist ein braver und kluger Kerl. Sie sollen sehen es geht doch wieder los! Der Ibrahim ist ein tapferer Soldat!“

„Ach was soll das viele Schwatzen!“ rief Herr Keball, einen Doppellouisd’or in die Höhe werfend und wieder fangend. „Was gehen uns Türken und Paschas an, wenn wir nur genug zu leben haben? Der Kannegießer da, will immer mehr wissen, als andere Leute, studirt immer die Zeitungen, und bleibt doch nicht mehr und minder, als ein armseliger Stellmacher. Schuster bleib bei deinem Leisten!“

Durch diese Unterbrechung ließ Herr Kannegießer sich aber nicht irre machen, sondern fuhr fort:

„Haben Sie das Itzehoer Wochenblatt gelesen, Herr Aristipp? Im Dithmarschen geht es los. Sie reißen die Häuser der Polizeibedienten nieder, und prügeln die Controleure. Uebrigens ist es auch eine Ungerechtigkeit den Dithmarschen die Zollfreiheit zu nehmen: sie haben ihre Documente darüber, und mit ihrem Blute sie erobert. Glauben Sie, daß sie sich gutwillig geben werden, Herr Aristipp?“

„Ich denke ja. Sie haben weise und tüchtige Oberbeamte, die sie durch vernünftige Vorstellungen beruhigen werden. Nach meiner Meinung kann überhaupt in einem Staate keine Landschaft, noch irgend eine Classe von Menschen ein Privilegium vor der andern voraus haben. Jeder Bürger eines Staates muß gleiche Rechte haben. Dieselben Gesetze, Verordnungen, dieselbe Verfassung muß in einem Staate Anwendung finden. Und wenn aus alten Zeiten her datirende Vorrechte oder Privilegia dem einen oder dem andern Herzogthume oder Fürstenthume, oder Landschaft, oder irgend einer Kaste von Menschen zugestanden waren, so müssen sie dieselben aufgeben, nachdem sie mit minder bevorrechteten Ländertheilen unter einem Scepter vereint worden sind. Einheit und Gleichheit vor dem Gesetze müssen in einem Königreiche herrschen, und nur eine allgemeine Verfassung kann für alle Ländertheile, aus welchem eine Monarchie besteht, gültig sein.“

„Sehr gut, mein bester Herr,“ unterbrach mich Herr Samson, „warum schließt man uns von dieser Einheit und Gleichheit vor dem Gesetze aus? Warum erkennt man uns nicht das Bürgerrecht zu? Sind wir nicht eben so gut Kinder eines Staates, wie Sie? Bürger einer Stadt, wie Sie?“

„Das liegt wohl nicht so sehr an der Staats-Regierung, als in der Staats-Religion, mein guter Moses. Kein Beweis spricht deutlicher für die Göttlichkeit des christlichen Glaubens und seines Stifters, als, daß das jüdische Volk, bis auf den heutigen Tag, unter alle Völker zerstreut ist.“

„Finden Sie das aber gerecht? Ist Ihr Gott nicht unser Gott? Haben Sie nicht Ihren Gott von uns? War Christus nicht ein Jude?“