„Wenn ich das nicht hätte,“ erwiederte der Befragte, „würde ich dann so viele Empfänglichkeit des Gefühls für das Schöne, das Liebenswürdige eines weiblichen Wesens besitzen können? Wenn man wirklich liebt, mein Fräulein, wenn man wahrhaft glücklich ist, dann liebt man die ganze Welt, wünscht, die ganze Welt zu beglücken.“

„Das nenne ich eine weitumfassende Liebe,“ entgegnete das Fräulein. „Wenn ich Ihre Braut wäre, würde ich mir eine solche Liebe höflichst verbitten.“

„Liebe und immer wieder Liebe,“ versetzte der Baron. „Was ist denn eigentlich Liebe?“

Liebe,“ erwiederte Fräulein Brettomani ernst, „ist das höchste und das heiligste der Gefühle. Die zarteste Uebereinstimmung zweier schönen Seelen in allen Puncten zu einem Zwecke. Das Durch-sich, Durch-einander-Beglücktsein —“

„Nun, bei Gott! Sie nehmen die Liebe zu hochpoetisch. Ich glaubte, es wäre eine Art von Instinkt, eine Art Trieb, damit das menschliche Geschlecht nicht aussterbe!“ versetzte der Baron. „Was meinen Sie dazu, Herr Hippias?“

„Ich bin in diesen Sachen ziemlich unerfahren,“ erwiederte der Angeredete. „Im Ganzen glaube ich, daß es wohl eine Composition von den beiden Ansichten sei, die Sie und das Fräulein aussprachen. Was meinst Du, Aristipp?“

„Ich enthalte mich meines Urtheils. Da aber gerade von der Liebe die Rede ist, so fallen mir einige Verse ein, die wenigstens beweisen, daß bei der Liebe immer viel Gefahr und Täuschung obwalten. Soll ich sie Ihnen sagen?“ Alle baten. Ich begann: Mein Gedicht ist von — ich habe den Namen vergessen — und ist titulirt: Das Geständniß.

1.

Uns Alle lehrt die Liebe Trug und Tücke,

Wer ihr gehorcht, ergiebt dem Bösen sich.