„Aber sage mir, wie kommst du dazu in diesem Nonnenkloster abzusteigen?“

„Aus dem einfachen Grunde, weil mir dieses Gasthaus durch eine Holsteinsche Klosterdame empfohlen worden. Uebrigens bereue ich es nicht hier abgestiegen zu sein, denn es schläft sich hier vortrefflich; Alles ist ruhig, der Garten hinter dem Hause schön und die Wirthinnen unterrichtet, zuvorkommend und hübsch. Genug hiervon. Und nun, Freund Aristipp, ist es deine Sache die wenigen Tage, welche ich in Altona bleiben werde, mich auf eine angenehme Weise hinbringen zu lassen. Ich bin gekommen um mich hier zu amüsiren.“

„Dich in Altona zu amüsiren? Nun, bei Gott, der Gedanke ist nicht übel! Glaubst du denn, daß irgend ein Menschenkind von Stande sich je in Altona amüsirt hätte? Unter uns Hippias, du bist zu vornehm um dich amüsiren zu dürfen, du hast hier Verwandte und Bekannte die es dir nie vergeben würden, wenn du dich hier amüsirtest. Dein Name wird schon in der Fremden-Liste stehen, und so kannst du gewiß sein, daß jeder deiner Schritte hier bemerkt, bekrittelt und beklatscht werden wird.“

„Gut. Wie beginnst du es denn aber um deine Zeit hier angenehm hinzubringen, da du in gleichen Verhältnissen mit mir stehst?“

„Ich setze mich über alle Nachreden hinweg; frequentire nicht die gute Gesellschaft; mache keine Visiten; lebe auf meine eigene Hand und suche meinen Trost in meiner Freiheit, bei meinen Büchern und meine Erholung in Bachus und in der Freude Armen. Ich bin ein Mann des Volkes. Ich besuche alle öffentliche Oerter, die Hütte des Armen. Ich spreche mit Jedermann; genieße das Leben und studiere bei meinen Orgien und Bachanalien den menschlichen Verstand; das menschliche Herz; Lebensweisheit. Jeder Mensch ist für mich ein Blatt aus dem ungeheuren Lehrbuche der Schöpfung; daher mir interessant, wichtig. Deßhalb mische ich mich unter das Volk und beobachte die Handlungen, den Gemüthszustand, die Ansichten und die Stufe der Bildung des gemeinen Mannes. Es läßt sich nicht läugnen, daß ein kluger Minister viel Verstand und Kenntnisse besitzen muß; daß ein Justizrath, ein Regierungsrath, ein Advocat, ein Professor, ein Polizeiminister Kenntnisse, Einsichten und Verstand besitzen muß. Häufig trifft es sich aber, daß der gemeine Mann, oder das Volk in seiner einfachen Art Gegenstände aufzufassen, eine schärfere Urtheilskraft beweist als alle jene Gelehrte und Studierte. Aus diesem Grunde bin ich ein Mann des Volkes geworden. Nicht aber, weil ich ein Republikaner, oder ein junger Deutscher bin, wie man es glauben könnte. Das war ich nie und werde es nie! Die vornehme Sippschaft, obgleich ich zu ihr gehöre, hasse ich, weil sie nie und nimmer veraltete Vorurtheile ablegen wird, und nimmer dem Menschen oder dem gemeinen Manne oder dem Volke gleiche Rechte mit den privilegirten Ständen zugestehen wird.“ — —

„Verzeihe es mir, Aristipp, wenn ich dich unterbreche. Deine Suade ist mir zu bekannt, als, daß ich nicht befürchten müßte, ließe ich dich zu reden fortfahren, wir würden den ganzen Tag hier in Ottensen versitzen. Das ist nicht meine Meinung. — Du kennst mich überhaupt gut genug um davon überzeugt zu sein, daß deine Gesellschaft mir lieber ist, als jede andere. Dich zu sehen; mit dir zu sein bin ich hieher gekommen. Wo du mich hinführest, da gehe ich hin. Du weißt, daß wir Jugendbekannte, Verwandte, Universitätsfreunde, Militärs und Schriftsteller waren und sind; was dem Einen gefällt, gefällt folglich dem Andern. Und nun entwirf den Plan unseres Taglaufes.“ —

„Wenn du so willst, so ist er schon fertig. Ich werde dich überall hinführen wo guter Wein, gutes Essen zu haben ist, und dir manche hübsche Mädchen und Frauen zeigen. Wir werden Gelegenheit haben einige gleichgesinnte Bekannte zu treffen, und wollen uns bemühen jeder Sache oder jedem Gegenstande, die oder der uns auf unserer Fahrt aufstoßen sollte, die wahre Seite abzugewinnen. Hier in Ottensen wüßte ich dir nichts zu zeigen. Klopstocks Grab wollen wir betrachten, wenn wir zurück kommen und ernster gestimmt sind. Rainvilles Garten kennst du. Das Gebäude, die Anlagen und die Aussicht sind dort wunderschön; aber da ist kein Leben, kein Treiben! Wir wollen den Menschen studieren. Gehen wir.“

Nach diesen Worten ergriffen Hippias und ich Hut und Stock; traten aus dem Grünbeinschen Hôtel; schritten quer über den großen Platz die Allee nach Altona hinunter und befanden uns bald in der Königsstraße der friedlichen Stadt zweiten Ranges des Königreiches Dänemark, oder, um mich besser auszudrücken, in der ersten Stadt des Herzogthums Holstein. Ich erlaube mir dieses hervorzuheben, weil es ein anmaßender Gedanke des Dänen ist, Holstein als eine dänische Provinz zu betrachten, da Holstein mit Dänemark in keiner andern Beziehung und Gemeinschaft steht, als daß der Herzog von Holstein, König von Dänemark ist. Die Holsteiner als Dänen zu betrachten, würde ebenso falsch und lächerlich sein, als wenn man unter der Regierung Wilhelms des Vierten die Hannoveraner Engländer genannt, und Hannover als ein von England abhängiges Königreich hätte betrachten wollen. —

Hippias und ich gingen bei der Buchhandlung von Karl Aue, der Buchdruckerei und Verlagshandlung von Hammerich und Lesser, der Leihbibliothek von Lesser vorüber.