„Und nun wieder vorby!“ rief Herrmann Bleicamb, eine fette Auster verschlingend. „Wenn Du mit deinen schönen Redensarten fortfährst, so bekommen wir nichts von der Geschichte zu hören. Nun, Herr Hippias, wie war denn das so eigentlich?“

„Sie wünschen die Geschichte zu hören, meine Herren, es sei! Ich werde mich kurz fassen:

Es sind jetzt ungefähr funfzehn Jahre her, daß ich beschloß die Welt zu sehen, auf Reisen zu gehen. Ich hatte vor meiner Abreise noch einige Familien-Verhältnisse zu ordnen und begab mich daher zu einer alten Tante, die auf einem Gute unweit Hamburg wohnte. Die Zeit meines dortigen Aufenthaltes verlängerte sich durch einige Hindernisse, die erst beseitigt werden mußten. Die Einförmigkeit des Landlebens fing an mich zu ennuiren. Meine Tante war alt, ihre Zofen waren alt und häßlich, aber die Bauermädchen waren hübsch, jung, kernig und frisch. Einem Bauermädchen hatte ich noch nie die Cour gemacht. Das mußte ein capitales Mittel gegen die Langeweile sein! Die Sache war aber nicht so leicht gethan, als gedacht. Auf dem Lande herrscht mehr Religion, mehr Sittlichkeit, als in der Residenz. Der Einfluß des braven Geistlichen war zu groß, und überdies hatte jedes Bauermädchen seinen Schatz. Der Teufel aber, der einem Jeden so gerne die Hand bietet, wenn er eine Seele für sich gewinnen kann, half auch hier. Bei dem Verwalter meiner Tante, mit dem ich zuweilen eine Pfeife rauchte, diente ein junges Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren. Sie war rein, unschuldig, wie ein Engel. Erlassen Sie es mir, meine Herren, Ihnen eine Schilderung jener niederträchtigen Verführungskünste, die ich anwandte, zu beschreiben. Das arme Lieschen, so hieß das Mädchen, erlag meinen Bemühungen. Die drei Eichen, die beiden Hügel auf der Wiese, welche hinter dem Garten meiner Tante lagen, waren die stummen Zeugen eines falschen Eides, einer verlorenen Unschuld. Sie blieben mehre Wochen die verschwiegenen Zeugen einer verbrecherischen Glückseligkeit. Dann fuhr ich mit Extrapost nach Paris. Lieschen mit Schande bedeckt, ein Kind unter dem Herzen, lief hinter dem Wagen her und langte fast ohne Besinnung in Hamburg an. Hier fand sie gütig-teuflische Hülfe. Das Mädchen, welches mich anredete, war eine öffentliche Person aus den Vier Löwen — es war Lieschen!“

„Ich habe Ihnen, meine Herren, die Geschichte des armen Lieschen ganz ohne alle Ausschmückung erzählt. Ich weiß, daß ihr Loos das Loos von Tausenden ist. Ich kann es aber nicht leugnen, daß dieses Ereigniß mich tief ergriffen hat. Nehmen Sie einmal an, was habe ich mir nicht vorzuwerfen? Wenn wir die Sache ernst betrachten, so stehe ich da: als ein systematischer Verführer, als ein Meineidiger, als ein Mann, dessen Schuld es ist, daß ein Geschöpf, dem ich das Leben gab, nie das Licht der Welt erblickte, also, als der Mörder meines eigenen Kindes; als ein Mann, dessen Schuld es ist, daß das tugendhafteste, unschuldigste Mädchen zur verworfensten Creatur wurde, daß er eine Seele dem Himmel stahl und sie der Hölle überlieferte! Und ein solcher Mann darf es wagen sein Haupt zu diesem gestirnten Himmel zu erheben? Frei und stolz und geehrt unter seinen Mitmenschen umherzugehen, während die Welt mit Fingern auf das unglückliche Geschöpf weist, vor ihr ausspeit, das er allein in dies Elend gebracht hat! Wahrlich! wenn es Strafen in dieser Welt giebt, so sollte die schwerste den Mann treffen, der der absichtliche Verführer weiblicher Unschuld und Tugend ist, denn die Folgen einer solchen Verführung sind nicht zu berechnen, weder für diese, noch für jene Welt!“ — — — —

„Ich weiß, daß die meisten unserer Weltmenschen mich auslachen werden, wenn ich einer so ganz gewöhnlichen Geschichte eine so tiefe Bedeutung gebe. Für mich aber hat sie sie, und mein einziger Trost besteht darin, daß ich mein Vergehen noch so tief empfinden kann, und es so viel, als mir möglich, wieder gut zu machen suchen werde.“

„Ich billige ganz Ihre Gefühle,“ sprach der Baron, „denn ich empfinde sie mit Ihnen. Ich würde Sie für keinen Mann von Ehre halten, wenn dieser sonderbare Vorfall Sie nicht tief ergriffen hätte. Das Augenscheinliche in dieser Sache mußte Sie frappiren. Gewiß sind wir Alle, die wir hier sitzen, nicht minder schuldig, als Sie, aber die Folgen unserer Vergehen stellten sich nicht auf eine so unerwartete Weise unsern Blicken dar, als Ihnen. Vielleicht bin ich ein weit größerer Verbrecher, als Sie, denn ich griff frevlend ein in das Heiligthum der Ehe und machte auf diese Weise zwei Menschen unglücklich. Weil mein Opfer aber zu der höheren Gesellschaft gehörte, so wurde es vermieden, der Welt durch einen Eclat einen Anstoß zu geben. Man trennte sich auf eine anständige Weise; man hatte genug zu leben, in ein Bad zu gehen, sich zu pflegen, wiederherzustellen, den Schein zu retten, und war daher nicht gezwungen, die Lebensweise zu ergreifen, die Ihr armes Lieschen zu ergreifen gezwungen war.

„Wenn wir nun aber eine wirklich ernste Betrachtung über diesen heutigen Vorfall anstellen wollen, so können wir uns freuen, daß er uns Gelegenheit zu Reflexionen giebt, in uns zu gehen, den Vorsatz zu fassen, uns zu bessern, und, daß es in unseren Zeiten, Gottlob! so weit gekommen ist, daß man die Solidität eines Mannes jeder anderen glänzenden Eigenschaft vorzieht. Mit Freuden habe ich diese Bemerkung gemacht, obgleich ich nicht meinen Vortheil dabei finde; aber gewiß ist es: in unseren jetzigen Zeiten wird nur der Mann geachtet, dessen öffentliches und Privat-Leben frei von Makel ist, und dessen Grundsätze auf der strengsten Sittlichkeit basirt sind.“

„Du sprichst vortrefflich,“ unterbrach ich den Baron, „nur Schade, daß das, was Du von unseren Zeiten sagst, nicht ist, sondern nur so scheint. Gerade diese Leute, die jetzt den Ton angeben, und die ich die anerkannten Soliditäten nenne, sind gerade die größten Heuchler und Sünder. Ihre Solidität besteht nur darin: sich den Schein einer Tugend zu geben, die sie nicht haben.“

„Thut nichts! Schon dadurch ist viel gewonnen. Der, welcher jahrelang dem Scheine sich unterwirft, gewöhnt sich nach und nach daran, die Lebensweise wirklich anzunehmen, welche er zuerst nur des Scheines willen adoptirte. Es ist dann freilich nur Gewohnheits-Sache bei ihm geworden und er kann sich es nicht als Verdienst anrechnen; aber er giebt dem großen Haufen ein gutes Beispiel und wirkt dadurch zum allgemeinen Besten. Laß es nur eine zehn Jahre hindurch allgemeine Mode sein, tugendhaft zu scheinen und wir werden in den nächsten zehn Jahren tugendhaft sein. Ebenso wie die jungen Männer jetziger Zeit den Studien obliegen müssen, um ein gutes Examen zu machen, und nur dadurch ein Amt zu erhalten im Stande sind; ebenso werden sie es auch vermeiden, öffentliche Aergernisse zu geben, wenn sie wissen, daß ihnen durch sie die Häuser des bon ton verschlossen werden, und ihnen die Aussicht auf Beförderung genommen wird.“

„Ich höre Dir mit Vergnügen zu,“ sprach Bleicamb. „Du hast eine große Aehnlichkeit mit einem Wegweiser.“