„Ich mache einen Unterschied zwischen Gott und Kirche. Mein Gott ist der Gott aller Geschöpfe, aller Wesen. Ich habe nichts dagegen, daß man ihn auf verschiedene Weisen zu verehren suche, nur muß ich bitten, auch mir meine Weise zu erlauben. Glaube mir, Aristipp, dem höchsten Wesen ist es sehr einerlei, wie man es verehrt, wenn man es nur warm und ehrlich meint. Ein liebevolles, frommes, gutes Herz ist Gottes schönster Tempel, und nicht St. Peters Dom mit goldener Kuppel.“

„Ich habe nichts dagegen, Du frommer, liebevoller Mann! Das von der Erbsünde warf ich nur so hin, und mit meiner Welt von Teufeln war es auch nicht so bös gemeint. Wir Deutschen können ohnehin nie eine lebendige Conversation führen! Wir werden gleich so breit! Wird ein Wort hingeworfen, so schnappt es gleich der Andere auf und predigt darüber eine Stunde. Ich denke doch, Du wärest lange genug in Frankreich gewesen, um eine bessere Lebensart zu lernen.“

„Ich verstehe Deinen Vorwurf, aber ich bin aus Frankreich als Deutscher wieder heimgekehrt: noch mehr, ich habe nie einen größern Stolz darin gesetzt, ein Deutscher zu sein, als nachdem ich die Franzosen habe kennen lernen. Wahrlich! wir haben es nicht nöthig, den Witz, die Lebendigkeit der Franzosen zu beneiden! Wir haben das Gemüth, die Tiefe des Gefühls für uns. Laß den Briten den ganzen Stolz seines Albions zur Schau tragen — es ist nur der Stolz einer engherzigen Krämer-Seele! Wir Deutschen sind und denken edeler, als er. Der Deutsche ist von Geburt zu allem Großen, Schönen, Erhabenen geneigt, und nur die uns angeborene Bescheidenheit bewirkt es, daß unsere großen und herrlichen Eigenschaften verborgen bleiben. Und diese Bescheidenheit ist wiederum eine deutsche Tugend. Wir prahlen nicht! Wir sind keine Scharlatane, wie die Franzosen, und wenn wir auch manch Mal etwas breit und langweilig werden, so geschieht es nur, um sicherer zu gehen und Alles reiflich zu erwägen. Und welche Eigenschaft ist es denn, Aristipp, die wir höher, als alle andere schätzen? Es ist die Vernunft! Und welches Volk besäße sie in einem höhern Grade, als das Deutsche?“

„Und besonders wir,“ fiel ich lächelnd ein, „die wir heute Morgen hier im Trichter Beefstakes essen und Porter trinken, gestern den ganzen Tag in Saus und Braus gelebt, und heute noch den ganzen Tag zu unserm Vergnügen bestimmt haben!“

„Persönlichkeiten gehören nicht zur Sache. Vier liederliche Männer machen nicht das Volk aus, und ist es meine Schuld, daß ich in so schlechte Gesellschaft gerathen bin?“

„Bravo!“ fiel Bleicamb ein, „so mag ich Dich gern hören. Das Philosophiren paßt nicht für Dich. Man merkt es doch, daß es nicht aus voller Ueberzeugung ist. Was nicht vom Herzen kommt, geht nicht zum Herzen. Erzähle uns von Deinen Fahrten, von schönen Frauen, das läßt Dir ungleich besser, als wenn Du uns Vernunft predigst, oder von Deinen edlen deutschen Gesinnungen uns vorschwatzest. Keiner ist weniger seinem Charakter, seinen Sitten, seinem Handlen nach ein Deutscher, als Du.“

„Meinen Charakter kennst Du nicht. Meine Sitten, meine Handlungen sind nicht deutsch? Auch gut! Meine Gesinnungen aber und meine Ansichten sind deutsch. Mein Vaterland braucht sich meiner nicht zu schämen. Ich bin vor anderen Nationen nicht gekrochen, habe nicht dem Engländer, noch dem Franzosen geschmeichelt, sondern stets in ihren Landen stolz und kühn mein Vaterland vertheidigt, und ihnen gezeigt, wie unendlich viel höher wir Deutsche in tausend Beziehungen über ihnen stehen. Ich habe nie zu jenen elenden Ueberläufern gehört, die durch Herunterreißen und Heruntersetzen ihres eigenen Vaterlandes jenen ichsüchtigen Nationen Weihrauch streuten! Wenn wir Deutschen die Größe anderer Nationen aus Gerechtigkeitsliebe anerkennen, so dürfen wir auch mit Recht verlangen, daß sie unseren Werth anerkennen. Ich habe den lächerlichen Anmaßungen der Franzosen einen ruhigen Ernst entgegengesetzt; an diesem Bollwerk ihr Feuer und ihren Witz zersplittern lassen und sie dann in ihren eigenen Behauptungen und Worten gefangen und zu Boden geschlagen. Ich habe ruhig angehört, wie sie ihren Voltaire, Racine, Corneille etc. über Goethe, Schiller, Wieland setzten und sie nur zuletzt gefragt: ob sie Deutsch verständen, ob sie Wieland, Schiller, Goethe gelesen hätten? Sie kannten nur die Namen — Sie waren besiegt. Ich habe dem Stolze des Engländer’s einen gleichen Stolz entgegengesetzt, und von ihm verlangt, daß er in Deutschland Deutsch mit mir reden sollte. Unsere zu große Bescheidenheit und Gefälligkeit gegen Fremde ist die Ursache, warum sie uns verächtlich behandeln. Der Deutsche muß kühner, kecker, stolzer gegen sie auftreten. Das Gefühl ihres Werthes muß unseren Deutschen Landsleuten klar, anschaulich gemacht werden. Wir Literaten müssen dahin streben, ihnen ihren wahren Werth zu zeigen. Nur dadurch können wir dem Deutschen das richtige Selbstgefühl einflößen, die Deutsche Nation heben; nicht aber dadurch, wenn wir, im Vergleiche zu anderen Nationen, unsere eigene Nation als eine erbärmliche, knechtische schildern, wie einige Schriftsteller es thun, die des Deutschen Namens unwerth sind! Ich ereifere mich, meine Herren! Aber dieses ist der Punct, wo ich verwundbar bin! In meinen Adern fließt das reinste deutsche Blut, und durch einen tausendjährigen Zeitraum ist meiner Familie die Liebe zum Deutschen Vaterlande, zu dem angestammten Deutschen Fürsten und der Haß gegen die Franzosen eingeimpft! In tausend Schlachten hat sie für diese Gesinnungen geblutet! Was meine Sitten anbetrifft, so magst Du sie immerhin leicht und französisch nennen, Bleicamb! Sie sind es! Ich hasse die Formen und bin leidenschaftlich! Was meine Handlungen aber anbetrifft, so glaube ich doch, daß sie fast alle den Stempel deutscher Gutmüthigkeit und eines deutschen Herzens tragen!“ —

Der Baron schwieg, ergriff ein Glas Porter und trank es langsam aus. Er schien in einer gewaltigen Bewegung zu sein. Seine Augen sprühten Feuer und schienen in allen Ecken des Zimmers einen Gegner zu suchen; seine Haltung war stolz, drohend und herausfordernd. Hätte er einer feindlichen Batterie gegenüber gestanden, er hätte nicht kampflustiger aussehen können. Nach und nach beruhigte er sich, und nur ein höhnisches Lächeln umspielte seine Lippen. Ein Lächeln, daß so leicht dem Menschen zur Gewohnheit wird, der sich häufig im Leben verkannt sieht, und das etwa sagen will: „ich verachte Euch! da Ihr mich falsch versteht, und da ich die innere Ueberzeugung habe, daß ich besser bin, als Ihr glaubt.“

„Und nun wieder vorby!“ rief Herr Bleicamb aus, „wozu Dich so erhitzen? Kann man denn kein Wort mehr sagen, ohne daß Du wüthend wirst? Wir sind hier, um uns zu amüsiren; keinesweges aber, um uns zu beleidigen und anzufeinden! Wer will gleich über ein Wort böse werden! Darin liegt gerade ein großer Fehler der Deutschen, daß sie gleich empfindlich werden! Wenn wir beisammen sind, wollen wir vergnügt sein und die Freiheit haben, das zu sagen, was uns gerade einfällt. Wenn man unter Freunden ist, so muß man immer den Grundsatz annehmen, daß Keiner den Andern beleidigen will, und ist die Absicht nicht vorhanden, so kann auch nie eine Beleidigung stattfinden. Und nun wieder vorby!“

„Recht so, Herr Bleicamb,“ sprach Hippias. „Männer wie wir müssen immer nur eine Unterhaltung führen, die kein Kopfbrechen verursacht und lehrreich ist, ohne zu langweilen. Die zu große Empfindlichkeit hindert im allgemeinen stets die Fortsetzung gegenseitiger Mittheilungen und ist die Folge verletzter Eigenliebe. Je weniger Eigenliebe wir besitzen, je edler, reiner und schöner stehen wir da, weil eine große Selbstüberwindung dazu gehört, um die Aufwallungen zu unterdrücken, welche durch die Verletzung der Eigenliebe in uns rege werden.“