Zur bestimmten Zeit fand ich mich bei Hoyer ein und traf dort den Branntweinbrenner Tiemer. Dieses waren die beiden ersten Männer, welche ich in Altona kennen lernte. Wollte Gott! ich hätte nie andere Bekanntschaften gemacht! Nachdem wir ein vortreffliches Abendessen zu uns genommen und von dem besten Weine getrunken hatten, sagte Hoyer: „Sie müssen Altona kennen lernen. Gehen wir.“ Auf diese Weise kamen wir auch hier in das Joachimsthal. Es war Sonntag, Musik und Ball wie heute. Ich muß gestehen, daß die rauschende Musik, der Anblick so vieler Fröhlichen mich traurig machte. Ich hatte in der Zeit viele Unannehmlichkeiten gehabt, und war arm. Die Musik, die raschen Walzer, die rasenden Gallopps erinnerten mich an die vergnügten Abende, welche ich so oft in unserer Residenzstadt genossen hatte. Sie führten manches liebliche Bild meinem geistigen Auge vor. Ich lehnte mich an eine der vielen Säulen und blickte traurig in die allgemeine Fröhlichkeit hinein. Auf meinem Aeußern muß wohl der Zustand meiner innern Verstimmung sich abgespiegelt haben. Hoyer, der während dieser Zeit mit vergnügtem Gesichte den Tanzenden zugesehen hatte, näherte sich mir auf ein Mal.

„Wollen Sie mir eine Bitte nicht abschlagen?“ fragte er.

„Gewiß nicht.“

„Gut. Sie sind ein junger Mann. Sie können in so großen Städten, wie Hamburg und Altona, nicht ohne Geld sein. Ich bin unverheirathet und lege gewöhnlich etwas von meinen Ersparnissen zu guten Zwecken zurück. Hier — nehmen Sie — und nun kein Wort mehr davon.“ —

Er drückte mir eine Rolle Geld in die Hand und ließ mich betroffen stehen.

Meine Geschichte ist aus, meine Herren! Bewundern Sie die Delicatesse, die Großmuth dieses Mannes mit mir. Aus meinen Mittheilungen war ihm der beklagenswerthe Zustand meiner Finanzen nicht entgangen. Er beschloß mir zu helfen, und wartete den rechten Augenblick ab. Wie zart: in so großen Städten können Sie nicht ohne Geld sein! Meine Geschichte ist ein Pendant zu der Deinigen mit dem Herrn von Pichmeier im Hôtel de France. Beide sind uns ein Beweis, daß es noch edle Männer giebt; Beide müssen uns aber ein Sporn sein, ihre Güte zu verdienen, und ihnen durch unser Betragen zu beweisen, daß wir einer so seltenen Großmuth nicht unwerth waren und sind. Das Joachimsthal wird mir daher ewig unvergeßlich sein, und jedesmal, wenn ich es betrete, denke ich mit Rührung und den Gefühle des innigsten Dankes an Hoyer zurück.“

„Du hast sehr Recht gethan, Aristipp,“ sprach der Baron, „uns die Mittheilung zu machen. Die edlen Thaten der Menschen muß man nie vergessen, im Gegentheil sie immer wieder uns und Anderen in die Erinnerung bringen; ebenso wie es Pflicht ist, das Böse, was die Menschen uns zugefügt haben, zu verzeihen und gänzlich aus dem Gedächtnisse zu verbannen. Du, Aristipp, hast jetzt hier die Pflicht welche die Dankbarkeit Dir auferlegte, erfüllt. Wie wäre es, wenn Ihr mir erlaubtet, Euch an den Ort zu führen, wo ich meinen rettenden Schutzgeist fand? Wir wollen ohnehin nach Hamburg. Essen wir im Hôtel de France?“ Wir stimmten bei. Eine Droschke wurde genommen. „Hôtel de France!“ riefen wir dem Kutscher zu.

Ich muß hier wohl einen kleinen Absatz machen und erst etwas über Hamburg im Allgemeinen sagen, bevor ich den Leser ersuche, mir und meinen Freunden bei den Besuchen, welche wir einzelnen Localitäten dieser altergrauen Handelsstadt abstatten werden, zu folgen. Der bloße Gedanke an Hamburg hat für mich immer etwas Belebendes, Erquickendes, Erfreuliches. Von allen Städten, die ich in Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland und Afrika gesehen habe, ist mir Hamburg immer die liebste gewesen, und wohl kann ich es dem reichen Weinhändler Manke in der Theaterstraße nicht verdenken, wenn er nur in Hamburg sich wohl befindet. Es ist ja auch in der That Alles in Hamburg zu finden, was der Geist, das Herz, das Auge, der Magen des unersättlichsten Menschen sich nur zu wünschen vermag. Literatur und Kunst werden gehegt, befördert, belohnt und bezahlt. Die Hamburgerinnen sind hübsch, gebildet, und sittsam. Die schönsten Anlagen in der Stadt und um dieselbe vergnügen das Auge, und der Magen findet in Hamburg Alles, was das größte Rafinement eines Wohlschmeckers verlangen kann. Der Hamburger Bürger ist artig, zuvorkommend gegen Fremde — ich muß ihm dieses Lob ertheilen, wenn gleich manche Schriftsteller das Gegentheil behaupten — hat ein ehrenvestes Aeussere und einen gewissen Stolz in seinem Auftreten, den ich billige, weil in diesem Stolze die Liebe zu seiner schönen Vaterstadt, das Bewußtseins ihrer Größe, ihrer Blüthe und ihrer Kraft liegt. Außerdem kann man es einem freien Republikaner gerne verzeihen, wenn er etwas härter auftritt, als ein leichtfüßiger Höfling. Der Hamburger ist sinnig, ordnungsliebend und wohlthätig. Er wirft nichts weg, aber er ist nicht geizig, noch filzig. Er ist ehrlich, offen und derb. Er betrachtet bei jedem Gegenstande, sei es Mensch oder Sache, den Nutzen den er von ihm ziehen kann. „So viel ist das mir werth! So viel ist der Mann mir werth!“ ist sein Wahlspruch. Er macht aber den Ueberschlag des Werthes eines Menschen, einer Sache nicht mit kleinlicher Berechnung. Er bezahlt die volle Kraft, die nützt, mit vollem Geldgewicht. Er hat vollkommen Recht, denn nur so viel der Mann nützt, nur so viel ist er werth! Der Hamburger Bürger im Allgemeinen ist religiös und sittlich. Er giebt nicht leicht ein öffentliches Beispiel allgemeiner Sittenverderbniß. Der Speculationsgeist führt den Hamburger selten zu weit. Er zieht das Solide, das Gewisse einer unsichern Speculation vor. Politischen Schwindeleien ist er gänzlich fremd. Er haßt aber die Ungerechtigkeiten in den Welt- und Völker-Händeln. Darum haßt selbst der gemeine Hamburger Bürger den eigenmächtig handelnden Despoten, ebenso wie er den König von Dänemark ehrt, weil er ein gerechter Monarch ist. Die Zuneigung zu diesem Fürsten hat freilich durch die Einrichtung der Zolllinie etwas abgenommen. Denn der Hamburger bleibt immer erst Hamburger. Er kann dem unmöglich gut sein, der seinen Handel beeinträchtigt. Ist dieser Punct erst beseitigt, dann wird der Hamburger gerecht und erkennt mit Freuden die guten Seiten fremder Fürsten und Nationen. Der Hamburger Bürger ist seiner Geburt und der Verfassung seiner Vaterstadt nach ein Republikaner. Er bekümmert sich aber nicht weiter darum, und nirgends hört man weniger von Freiheit und Gleichheit reden, als in Hamburg. Eine Hauptzierde der berühmten Stadt ist die vorzügliche Ordnung, welche dort herrscht, und die vortreffliche Polizei. Wenn Tausende und aber Tausende von Menschen auf einem Platze versammelt sind, hört man nicht den geringsten Tumult, nicht die allerkleinsten Excesse werden begangen, kein Unglück geschieht. In dieser Hinsicht kann Hamburg allen großen Städten zum Muster dienen. Der Hamburger liebt, achtet seine Obrigkeit und ist ihr gehorsam. Die Hamburger Bürgergarde ist sehr schön uniformirt und für eine Bürgergarde, noch dazu eine Deutsche, gut einexercirt. Das Linien-Militär ist gleichfalls vortrefflich uniformirt, und ausgezeichnet gut einexercirt.

Zwei Sachen finde ich nur in Hamburg auszusetzen: daß die Thorsperre noch immer besteht und, daß es keine Stiefelputzer (décrotteurs) in einer so großen Stadt giebt.

Die Thorsperre ist für den Fremden sowohl, als den Bewohner der Vorstädte und dem Hamburger selbst ein unerträglicher Zwang, der ihm in jeder Beziehung, selbst in der Geschäfts-Beziehung, störend sein muß, da es ihm nicht immer einerlei sein kann, 4, 8, 12 Schillinge auszugeben, wenn er durch Geschäfte verhindert wurde, vor der Thorsperre heimzukehren. Die Thorsperren sind in allen großen Städten Deutschlands jetzt aufgehoben, weil man das Lästige dieses Zwanges eingesehen hat, und es steht zu hoffen, daß eine Stadt wie Hamburg, die sonst gewiß in der Civilisation und Kultur mit jeder Stadt Deutschlands gleichen Schritt hält, sogar sie überflügelt hat, auch in diesen barbarischen Absperrungen nicht allein zurück bleiben werde. Mag das Geld, welches durch die Thorsperre eingeht, zur Verschönerung Hamburgs angewandt werden, wie ich höre, es wäre besser, Hamburg weniger zu schmücken und seinen Bürgern, seinen Vorstädten eine freiere Communication zu gestatten!