Was den zweiten Punct anbetrifft, so wäre es allerdings wünschenswerth, sogenannte décrotteurs in Hamburg anzutreffen, da der Schmutz, welcher in den Gassen einer so volkreichen Handelsstadt nicht zu vermeiden ist, häufig angenehm erscheinen lassen würde, einen Stiefelwichser bei der Hand zu haben. Nicht allein, daß Jedermann, welcher etwas auf Eleganz und Reinlichkeit hält, gerne in blankgeputzten Stiefeln erscheint, sondern auch, daß eine gutbereitete Wichse das Schuhzeug conservirt, rechtfertigt diesen Wunsch. Für Fremde, Franzosen, Engländer und Russen würden die Stiefelputzer eine schätzbare Erscheinung sein. Es giebt keine, noch so kleine Stadt in Frankreich, wo man nicht décrotteurs fände! Die eleganten Französischen Commis voyageurs würden überglücklich sein, wenn sie solche in Hamburg träfen, und die edlen Briten würden viertelstundenlang auf einer Bank des Jungfernstieges sitzen, und sich die Stiefel blank putzen lassen. Die jungen Elegants aus Altona, welche zu Fuße in die Stadt kommen, würden erfreut sein, in glänzendem Schuhzeuge ihre Visiten machen zu können; und der Hamburger selbst würde nach und nach an eine Reinigungs-Anstalt sich mit Freuden gewöhnen, die es ihm möglich machte, den Schmutz seiner schönen Vaterstadt nicht in die Häuser und Salons zu bringen. Eine solche Stiefelwichser-Einrichtung würde außerdem ein neuer Erwerbszweig für alte und gebrechliche Personen beiderlei Geschlechtes sein, denen der Gebrauch ihrer Hände blieb. Es käme nur darauf an eine Association zu bilden, welche ihnen das nothwendige Material zu diesem Geschäfte verabreichte, bestehend: in einem Kasten, in welchem eine Schmutzbürste, eine Glanzbürste, ein stumpfes Messer und ein Schächtelchen Stiefelwichse enthalten sein müßten. Ueber diese Stiefelputzer müßte natürlich ein Aufseher bestellt sein, damit sie den Gewinn des Ertrages ihrer Arbeit täglich ablieferten, bis sie so viel gewonnen, daß der Apparat, den die Association ihnen gegeben, bezahlt sei. Dieses würde nicht lange dauern, wenn man den Preis des jedesmaligen Reinigens und Putzens eines Paar Stiefel oder Schuhe auf 1½ Schilling setzte. Dann könnten sie auf ihre eigene Hand fortfahren zu putzen; Hamburg hätte eine Annehmlichkeit mehr, und viele arme Leute einen ehrlichen Erwerbszweig gewonnen.

Ich muß meine eleganten Leserinnen um Entschuldigung bitten, ihre Phantasie solange mit einem widrigen Gegenstande beschäftigt zu haben; ich habe aber die Entbehrung der Stiefelputzer in Hamburg nie schmerzlicher empfunden, als wenn ich gezwungen war, in schmutzigen Stiefeln und besprütztem Unterzeuge in einem eleganten Boudoir oder Salon zu erscheinen, und es bei der bekannten Sittsamkeit des weiblichen Geschlechtes, welche sich durch das zu-Bodensenken der schönen Augen beim Erblicken eines Mannes am deutlichsten beurkundet, nicht verhindern konnte, daß der zweite Blick auf diese schmutzige Partie meines Anzuges fiel. Aus diesem Grunde darf ich hoffen, daß sie sich meiner Vorschläge zur Errichtung einer Stiefelputzer-Gesellschaft nicht widersetzen, sondern sogar dieselben unterstützen werden. Ferner darf ich mit Gewißheit auf die Billigung aller Haus-Mädchen rechnen, sei es in Privat- Gast- oder Cafée-Häusern, denen Dreiviertel ihrer Arbeit beim Auskehren durch einen Stiefelputzer abgenommen würde. Habe ich die Damen erst auf meiner Seite, dann bin ich gewiß, daß mein Vorschlag angenommen werde! Ich empfinde jetzt schon den Vorgenuß jenes erhabenen Gefühls wenn ich, (nachdem dieses Büchlein anonym gedruckt sein wird, die Stiefelputzer-Gesellschaft schon thätig ist) nach Hamburg kommen werde und mir, dem unsterblichen Einführer dieser nützlichen und wohlthätigen Reinigungs-Anstalt, incognito, die Stiefel werde putzen lassen!

„Seit wann“ frage ich dann „werden in Hamburg die Stiefel geputzt?“

„Dat wet ick nich,“ antwortet der Stiefelputzer, indem er die Glanzbürste aus dem Kasten nimmt, „Se seegt dat disse Mode uht den Uhtlande kohmen is. Dat is mi nun glieke veel, aberst ick verdeene mien Brod daby. Se seegt, dat is een Herr Artipp, de hät den Vörschlag mookt.“

„Sie fragen, seit wann man hier die Stiefel putzt, mein Herr?“ bemerkt ein reinliches Hamburger Kinder-Mädchen, das auf derselben Bank, auf welcher ich mich niedergelassen, saß. „Ich will es Ihnen sagen: Vor einiger Zeit erschien hier ein Buch von einem gewissen Herrn Aristipp, ich glaube, verlegt von der Buchhandlung von Hoffmann und Campe, die ja alle Neuerungen begünstigen, und das ganze junge Deutschland verlegt haben! In diesem Buche befand sich eine Abhandlung über das Stiefelputzen. Der Herr Aristipp soll ein hübscher, junger Mann sein. Unsere Madams lasen das Buch; nach ihnen die Kammermädchen, und die erzählten den Hausmädchen, daß auch von ihnen die Rede in diesem Buche sei. Die Hausmädchen wollten die Stelle sehen, in welcher von ihnen die Rede sei. Diese handelt nun gerade von Stiefelputzern und von deren Nutzen. Die Hausmädchen, geschmeichelt durch einige Worte des Herrn Aristipp, nahmen sich der Sache an. Die Kammermädchen, die es mit den Hausmädchen nicht verderben dürfen, ihrer Liebschaften wegen, unterstützten die Sache bei ihren Madams; die Madams, die es nicht mit den Kammermädchen verderben dürfen, brachten die Sache bei ihren Männern zur Sprache, und so wurde der Vorschlag des Herrn Aristipp angenommen. Wir haben jetzt Stiefelputzer in allen Gassen, und das Buch des Herrn Aristipp wird von allen Menschen gelesen; er selbst zum Himmel erhoben!“

„Was!“ rief ich aus, mein Incognito vergessend. „In ganz Hamburg werden jetzt die Stiefel geputzt, und ich in ganz Hamburg gelesen! Die Stiefelputzer und ich sind der Lion du jour! Der Russische Thronfolger, der nicht kam, ist vergessen! Die Stiefelputzer in allen Gassen, und ich in dem Munde aller Madams, Kammermädchen und Hausmädchen der Stadt! Folglich populär! Mademoiselle! Ihre Stimme ist für mich die Stimme des Volkes, dieser Stiefelwichser der Beweis Ihrer Worte. Ich selbst bin dieser Aristipp! Ich selbst empfinde diesen Augenblick die Wahrheit jenes Satzes: Pauca, sed selecta! Ein einziger Satz, der Hunderttausende beglückt, oder Hunderttausenden nützt, ist besser, als hundert Bände, die nur Hunderttausende amüsiren!“

Glückliche Phantasie eines Schriftstellers! Die sich schon das vorhanden denkt, was kaum zu Papier gebracht, zu welchem noch kein Verleger gefunden! Richard Savage! Du bist gedacht, geschrieben, nur aufgeführt, durch den Freischütz empfohlen, während meine Abhandlung über Stiefelwichser noch verschlossen in meinem Pulte ruht, und vielleicht nie das Licht der Welt erblicken wird! Du lockst den Leuten das Geld aus den Taschen, anstatt, daß mein Werk Arme bereichern würde! Es ist nur ein Unterschied zwischen uns: Du gefällst, und ich nütze! — — — — —

Wir kehren jetzt zum Hôtel de France zurück.