Das Hôtel de France liegt auf den großen Bleichen und gehört der Madame Guilleaume, welche, nach dem Tode ihres Gemahls, mit Hülfe ihres zweiten Sohnes die Gastwirthschaft fortgesetzt hat. Mit den großen Gasthäusern am Jungfernstiege kann freilich das Hôtel de France an äußern Glanz nicht wetteifern, wohl aber dürfte es wegen einer gewissen Gemüthlichkeit, welche in ihm herrscht, den großen, weltberühmten Hôtels vorzuziehen sein. Ist man in jenen Gasthäusern prachtvoll logirt, schnell bedient, so ist man im Hôtel de France, wie zu Hause und wird mit Freuden bedient; findet man in jenen einen eleganten, unterthänig zuvorkommenden Wirth, so thut einem hier die ruhige, würdevolle Weise wohl, mit der Madame Guilleaume ihre Gäste empfängt, für ihre Bedürfnisse mit mütterlicher Fürsorge wacht, und gleichsam einen jeden Fremden wie ein Mitglied ihrer Familie behandelt. Ihr Sohn seinerseits ist unermüdlich, um seine Gäste zufrieden zu stellen, den ganzen Tag in Bewegung und läßt es in Aufmerksamkeiten aller Art gewiß nicht fehlen. Die beiden Töchter der Madame Guilleaume verleihen durch ihr anständiges, freundliches Wesen, durch ihre Bildung und eine gute Conversation dem Hôtel de France einen eigenthümlichen Reiz. Ein großer Vorzug dieser Familie besteht für Fremde darin, daß sie vortrefflich Französisch spricht und auch im Englischen nicht unbewandert ist. Das dienende und aufwartende Personal dieses Hôtels ist ausgezeichnet; zuvorkommend und gefällig, ohne Interesse, thut ein Jeder seine Pflicht. Die Küche ist Französisch und der alte Koch des Hauses bedarf wohl keiner andern Empfehlung, als, daß er vierzig Jahre zur Zufriedenheit seiner Herrschaft und ihrer Gäste seinem Amte vorgestanden hat. Die Zimmer des Hôtels sind geräumig, gut meublirt, die Betten vortrefflich. Der Salon, in welchem gespeist wird, ist groß, hell und mit zwei außerordentlich schönen Spiegeln verziert. Madame Guilleaume nimmt während des Diners ihren Platz am obern Ende des Tisches, um das Ganze übersehen zu können und jeder Unaufmerksamkeit der Kellner durch einen Wink nachzuhelfen. Ihre Familie nimmt an ihrer Seite Platz und dann folgen les habitués des Hauses, dann die Fremden, nach der Anciennität, der Dauer ihres Aufenthaltes. Eine große Zierde dieses Hôtels ist ein sehr hübscher Garten mit einem Pavillon hinter dem Hause. Die Weine, welche man erhält, besonders der Tischwein und der Rheinwein, sind vortrefflich. Letzteren bezieht Madame Guilleaume von Herrn Mappes. Das Hôtel de France wird meistens von Russen und Franzosen besucht; von der letzten Nation logiren dort fast alle Commis voyageurs, oder négocians, wie sie sich im Auslande gerne nennen hören. Wer die Französischen Commis voyageurs kennt, der wird wissen, daß ein einziger von ihnen hinreichend ist, um eine ganze Gesellschaft durch seinen Frohsinn, seine Masse von Anecdoten, seine Fertigkeit in Kunststücken aller Art, zu unterhalten. Der Commis voyageur hat sämmtliche Departements Frankreichs bereis’t, sich überall das Merkwürdigste notirt, und repräsentirt auf diese Art ganz Frankreich. Er ist im eigentlichsten Sinne Français avant tout. Er kennt Alles, überall ist ihm etwas Auffallendes arrivirt und ist dieses nicht der Fall, so ersinnt er etwas und erzählt es so oft, bis er es selbst glaubt. Die meisten Commis voyageurs sind Republikaner, la jeune France und la Révolution du Juillet sind ihre Steckenpferde, und ihre Schuld ist es nicht, daß Louis Philippe noch auf dem Thron sitzt. Diese eigenthümliche Menschenclasse ist übrigens durchaus nicht uninteressant, meistens sehr gebildet, witzig und von guten Manieren. Da im Hôtel de France fast immer Einige von ihnen bei Tafel gegenwärtig sind, so wird man sich dort nie langweilen, wenn man ihnen einige Bravaden und Französischen Eigendünkel nachsehn will. Im Allgemeinen läßt sich über das „Gasthaus von Frankreich“ das Urtheil fällen: daß, wenn man auch nicht Alles dort findet, was man wünschen könnte, man wenigstens mit dem, was man dort findet, vollkommen zufrieden sein kann.

Die Table d’hôte hatte schon begonnen, als wir im Hôtel ankamen. Wir wurden sogleich in den Eßsalon geführt, wo wir eine zahlreiche Gesellschaft vorfanden, die nach der oben beschriebenen Weise um den Tisch herum saß; wir erhielten natürlich die untersten Plätze, weil wir die Letzten waren. Wir setzten uns einander gegenüber; der Baron und ich an der einen, Herr Bleicamb und Hippias an der andern Seite der Tafel. Wir wurden sogleich bedient. Da die meisten Gäste Ausländer waren, so wurde die Unterhaltung meistens auf Französisch geführt. Zuweilen wurden die harmonischen Laute dieser schönen Sprache durch einige Russische Gurgeltöne unterbrochen; oder, wenn eine Pause eingetreten war, vernahm man das zischende Gelispel der Söhne Albions. Wir waren die Einzigen, welche sich in Deutscher Sprache unterhielten. Sämmtliche Gäste waren nach der neusten Mode gekleidet, ihre Haare wohl pomadisirt und von Monsieur Eugène frisirt. Besonders elegant war ein junger, hübscher Russe, der an der Tafel den Ton anzugeben schien, und im Bewußtsein seines Reichthums sich behaglich auf seinem Stuhle hin und her wiegte. Sein Platz dicht bei der Familie Guilleaume schien auf eine lange Anwesenheit zu deuten. Er schien fast sämmtliche Gäste zu kennen und nahm sich die Freiheit, manche von ihnen scherzhafter Weise aufzuziehen. Er sprach vortrefflich Französisch. Seinen Manieren nach hätte man ihn auch für einen Franzosen halten müssen, wenn nicht die Form seines Kopfes, der Schnitt seiner Augen den Russen verrathen hätte. Er trank Champagner und bewirthete mit diesem seine Bekannte. Ihm gegenüber saß ein junges Mädchen in einem schwarzen Kleide, mit großen dunkeln Augen, braunen Haaren, deren Blick zerstreut umherschweifte, und die wenig oder gar keinen Antheil an dem, was um sie vorging, zu nehmen schien. Der junge Russe gab sich alle Mühe sie zu unterhalten.

„Warum so traurig, mein Fräulein,“ sprach er auf Deutsch in einem komisch schnarrenden Tone, „Sie sind verliebt bis über die Ohren. Was soll das? Er wird schon kommen, der Mensch! Trinken Sie ein Glas Champagner, ich bitte. Man muß nie traurig sein, es hilft nichts und macht häßlich. Trinken Sie, ich bitte.“

„Na, so trinken Sie doch, Adelinchen,“ sprach Madame Guilleaume, die neben dem traurigen Kinde mit den schönen Augen saß, „Sie essen auch gar nicht! Wer wird wohl so melancholisch sein!“

„Du lebst wirklich von der Luft, Adeline,“ sprach die Tochter der Madame Guilleaume, „Du wirst ganz mager hier bei uns. Das dürfen wir nicht zugeben.“

„Was wir lieben, Fräulein!“ rief der junge Russe, sein Glas emporhebend.

„Was wir lieben!“ wiederholte Mlle Guilleaume.

Das schöne, blasse Mädchen nahm das Glas und benetzte kaum die Lippen mit dem flüchtigen Getränke.

„Was ist das!“ rief der Russe. „Das ist kein Trinken! Bei uns, in Rußland, trinken die Damen aus, wenn sie die Gesundheit ihres Geliebten trinken! Trinken Sie aus, ich bitte.“