„Sind Sie damals noch glücklich zu Hause gekommen?“

„O! vortrefflich! Es gab eine ausgezeichnete Klatschgeschichte.“

„Theilen Sie uns doch dieselbe mit,“ bemerkte Hippias.

„Ich bin neugierig, etwas mehr von diesem Holländischen Doctor zu erfahren,“ sagte ich. „Wie wir bei Janßen waren, wurdest Du in der Erzählung unterbrochen. Spinn uns hier den Faden weiter ab. Du warst so weit gekommen, daß Du dem Doctor die Offerte machtest, in Deine Wohnung einzuziehen.“

„Richtig. Ich folgte der Eingebung meines menschenfreundlichen Herzens, das keinen Unglücklichen in der Noth läßt, wenn nur irgend eine Möglichkeit zu helfen vorhanden ist. Bockendahl, der jeder menschlichen Empfindung Gehör schenkt, gab es auch mir, und so wurde der Holländische Doctor förmlich bei mir einquartirt. Mein kleines, erbärmliches Stübchen, in welchem ich kaum Platz hatte, wurde von zweien bewohnt. Das Bettzeug wurde des Abends auf den Boden ausgebreitet, das Mittagsessen zwischen mir und dem Doctor getheilt, der Holländer von mir mit dem Nothwendigsten versehen, welches soweit ging, daß ich selbst meine Wäsche mit ihm theilte, er meine Strümpfe und Stiefel trug, da sein hartherziger Wirth von seinen Kleidungsstücken nichts herausgeben wollte. Diese burschikose Wirthschaft dauerte einige Monate ununterbrochen fort. Die unglückliche Lage des Doktors wurde zwar insofern erleichtert, daß ihm von seiner Familie 6 Mark wöchentlich ausgesetzt wurden, die Herr Bockendahl für ihn bei dem Consul erhob; eine andere Holländische Familie, die des Herrn van Andeln, sandte ihm einige Wäsche — aber die Revenüen, die erwarteten Revenüen blieben aus. Ihr werdet es sehr natürlich finden, daß zwei Leute, die, um mich eines seemännischen Ausdrucks zu bedienen, „Schiffs- und Schüssel-Maate“ waren, bald mit einander vertraut werden mußten. Ich war damals in einer sehr unglücklichen Lage in pecuniärer Hinsicht, andere Umstände traten noch hinzu, um meine Seele mit schwarzen Gedanken zu erfüllen; ich hatte das Mitgefühl eines Menschen nöthig. Der Holländische Doctor schien mir dieses Vertrauen zu verdienen, die Verbindlichkeiten, die er gegen mich hatte, schienen mir jeden Verrath an der Freundschaft unmöglich zu machen, sein ruhiges, ernstes Wesen sprach mich an, und binnen Kurzem war der Holländische Doctor-Capitän im Besitze aller meiner Geheimnisse, auch aller meiner Liebes-Intriguen, die ich in der damaligen Zeit mit einigen schönen Damen in Altona unterhielt, und die nachher das Ziel aller Klatschereien in Altona wurden. Ich hatte in dieser Zeit dieselbe Gelegenheit die Schicksale des Doktors zu erfahren, aber ich war zu sehr in meine eigenen Verhältnissen verwickelt, um mich um dieselben zu bekümmern. Wenn ich nun ein unparteiisches Urtheil über diesen Mann fällen soll, so muß ich sagen, daß er ein gutes Herz hatte, sehr unterrichtet war und mit einer wahrhaft rührenden Liebe an seinen Kindern hing. Hierdurch wurde er mir lieb, werth, und ich kann es frei behaupten, daß mein Betragen von dem ersten Augenblicke, da ich ihn bei mir aufnahm, bis zu dem letzten Augenblicke gleich freundschaftlich gegen ihn war. Wenn der Holländer sich meine Freundschaft, selbst meine Achtung (denn er arbeitete fortwährend), erworben hatte, so war dieses durchaus nicht der Fall, mit den übrigen Bewohnern unseres Häuschens, noch mit den Altonaern. Der Doctor hatte zwei große Fehler gegen sich, die in Altona nie vergeben werden: er liebte den Genever und war arm. Zu diesen Fehlern kam das Unglück, daß er sie nicht verbergen konnte, denn wenn er zuviel getrunken hatte, so verlor er den Gebrauch seiner Beine, blieb regungslos sitzen, oder fiel um, wenn er aufstand; dadurch, daß er arm war, konnte er nicht anders als in „abgerissener Kleidung“ erscheinen, und machte daher auf alle kleinlich denkende Leute einen unvortheilhaften Eindruck. Wer schlecht angezogen ist, wird verachtet. Außerdem hatte der Doctor das Unglück, nicht angenehm in seinen Manieren zu sein; er verstand es nicht, liebenswürdig zu sein, und fiel daher auch in Ungnade bei meinem Wirthe und meiner Wirthin. Bockendahl war und ist noch gewiß ein vortrefflicher Mann, der das beste Herz von der Welt besitzt; er ist aber so empfindlich, wie eine Mimosa pudica, und sein Zartgefühl verstand der Doctor nicht zu schonen. Der unglückliche, verlassene Doctor, zog sich auf eine mir unerklärliche Weise den Haß und die Wuth aller meiner Bekannten, die die Seinigen wurden, zu; nie habe ich es in meinem Leben erfahren, daß ein Mensch auf eine so unbarmherzige Weise heruntergerissen, zerrissen und allgemein verfolgt worden ist, als dieser Mann! Es konnte auch Keiner ihn leiden! Selbst der edelsten und liebenswürdigsten Frau auf der Welt, der Madame Bockendahl, wurde er unerträglich! Die liebenswürdigen Schönen, zu deren Füßen ich damals lag, selbst vereinten ihren Abscheu gegen den unglücklichen Mann mit dem Widerwillen der übrigen Welt, und baten mich inständigst den häßlichen Menschen aus dem Hause zu werfen. Seine Landsleute und der Wirth, bei welchem er gewohnt hatte, übertrafen alle Andere durch den Haß und die Verachtung, welche sie gegen ihn öffentlich äußerten. So hatte dieser unglückliche Mann nur ein Wesen in der Welt, welches ihn nicht zurückstieß, und dieses war ich! Ich kannte damals, ebenso gut wie jetzt, die allgemeine Stimme über meinen Holländer; ich wußte, daß ich selbst in der allgemeinen Achtung durch den Umgang mit ihm bedeutend verlor, denn ich besaß damals eine Freundin, ein kluges, hochherziges Weib, das ich nie vergessen werde, die mir im Vertrauen die Augen öffnete über die Folgen meines Umgangs mit dem Doctor; ich kannte selbst die Schattenseiten meines Schützlings; meine Vernunft rieth es mir ihn aufzugeben, aber ich that es nicht, weil ich nicht die öffentliche Stimme über die Stimme des menschlichen Gefühls in meiner Brust setzte, weil ich einen Menschen nicht in dem jammervollsten Elende, vielleicht dem Versuche eines Selbstmordes aussetzen wollte, weil ich die innere Ueberzeugung hatte, daß er wohl schlechter, als manche Andere, die Meisten vielleicht erschien, es aber nicht war! Außer diesen Gründen bewog mich noch eine eigenthümliche Art Selbstbetrachtung, die ich einem jeden Menschen anempfehle, der menschlich handeln will, dazu, den Doctor nicht aufzugeben, sondern fortzufahren, ihn nach meinen besten Kräften zu unterstützen, was ich redlich gethan habe, bis er mich — verließ! Diese Selbstbetrachtung war folgender Art: Der unglückliche Holländische Doctor hat sich den allgemeinen Abscheu dadurch zugezogen, daß er trinkt, daß er einige unbedeutende Schulden gemacht, und den äußern Anstand nicht beobachtet hat! — Hast du besser gehandelt als er? fragte ich mich selbst. Trinkst du nicht ebenso viel, als er? Hast du nicht ungleich bedeutendere Schulden, als er? Hast du dich nicht tausendmal über die Grenzen des Anstandes hinweggesetzt? Ist es dein Verdienst, daß du mehr vertragen kannst, als er, und nicht den Gebrauch deiner Beine verlierst, daß deine Gläubiger nachsichtiger gegen dich sind, weil sie von deiner Familie es hoffen, daß sie sie bezahlen werde, und, daß es dir verziehen wird die Grenzen des Anstandes zu überschreiten, weil du feiner, liebenswürdiger und daher doppelt gefährlicher bist, als er? Und ich soll einen Menschen verstoßen, um meinen Ruf zu schonen, dessen Fehler ich nicht nur besitze, ja! sie sogar in einem weit größern Maaßstabe besitze! Schämen müßtest du dich vor dir selbst, wenn du das thätest! wenn du, um in den Augen der Welt besser zu erscheinen einen Unglücklichen verließest, der kein anderes Unrecht begangen hat, als nicht deine physischen Kräfte, deinen Rang und Namen, deine Manieren und deinen Weltton zu besitzen? Meine Herren, ich war Philosoph genug, um dieser Selbsterkenntniß, nicht der öffentlichen Stimme, nicht der Bitte meiner Freundin, zu folgen. Ich blieb des Holländischen Doctors treuer Freund, bis die Verhältnisse mich von ihm trennten. Ich verlor durch ihn, durch seine Geschwätzigkeit, einen großen Theil meines guten Rufes, ich verlor viel, sehr viel durch ihn, aber mein Herz feierte einen Triumph über die kalten Regeln der Lebensklugheit, was ich in den Augen der Welt einbüßte, gewann ich durch den Gedanken als Mensch menschlich gehandelt, in der Ueberzeugung einen bedeutenden Schritt in der Kenntniß meiner selbst gethan zu haben. Ob ich bei dieser Gelegenheit richtig gehandelt habe, meine Herren, das ist ein Punct, der, wie der alte Meister in Göttingen sagte, noch sehr „strittig“ ist. Auf der einen Seite der moralischen Wagschale liegt nur das menschliche Gefühl, das reine primitive menschliche Gefühl: das gute Herz; auf der andern Seite liegen die Achtung gegen die allgemeine Stimme, die Pflichten gegen sich selbst, sein Fortkommen, seinen guten Ruf, die Pflichten gegen die Seinigen, gegen einen unbescholtenen, ehrwürdigen Namen, den ich mit Anderen theile. Ich habe es gethan, bereue es nicht und werde immer nur dem ersten Gefühle meines Herzens folgen, weil ich dieses für den richtigsten Leiter im Leben anerkenne und von dem Grundsatze ausgehe, daß das Herz eines jeden Menschen von Natur gut ist. Das schönste Gefühl, das der Mensch zu empfinden fähig ist, besteht in der Begeisterung, mit welcher das Gefühl für eine edle Handlung ihn entflammt, in der Fortdauer der Begeisterung nach der Vollbringung einer guten That. Wie schön ist nicht der Ausspruch des Posa in dieser Anwendung:

„Sagen Sie

Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend

Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird,

Nicht öffnen soll dem tödtenden Insekte