„Sie kommen jetzt meistens aus Spanien. Die großen Verkäufer falscher Zähne haben ordentliche Niederlagen. Sie senden ihre Beauftragten nach den Kriegsschauplätzen, wo diese wie die Raubvögel den Heeren nachziehen und den Gefallenen die Zähne ausreißen. So können wir vielleicht nächstens das Gebiß des Grafen d’Espagne durch die geschickte Hand des Herrn Calais in dem Munde eines liebenswürdigen Dandys erblicken.“
„Mit Don Carlos ist es vorbei!“ rief der Baron. „Der weiße Wolf von Navarra ist verjagt! Die gute Sache durch Verrätherei erlegen! Sollen wir nicht eine Subscription zum Besten der flüchtigen Carlisten in Frankreich eröffnen? Warum sollen wir nicht dasselbe thun, wie die republikanische Partei? Wie wurde nicht für die flüchtigen Polen gesammelt? Wie viel ist nicht für die sieben Professoren zusammengebracht? Wie unterstützen die Republikaner und Freimaurer sich nicht unter einander! Warum sollen wir Legitimisten dieses nicht auch thun? Wollen wir eine Subscription eröffnen?“
„Es würde nichts helfen!“ meinte Hippias. „Niemand würde subscribiren. Die carlistische Partei ist in Europa verloren. Der Legitimisten sind zu wenige; sie haben keinen Muth, keine Entschlossenheit, der Zeitgeist ist gegen sie. Die Sache des Volkes und der Freiheit hat das Spiel gewonnen!“
„So lange die rechtmäßigen Gesinnungen für König und angestammte Rechte noch in der Brust eines Mannes leben, der an seine Sache Gut und Blut, Leben und Sterben setzt, so lange ist die gute Sache nicht verloren!“ rief der Baron. „Wenn ich gleich gegen Priesterherrschaft, Tyrannen und Unterdrückung bin; so bin ich doch für die salische Erbfolge, und den legitimen König. Ein Altadeliger von echtem Schrot und Korne muß immer wie ein Cherub mit dem Flammenschwerdte vor dem Throne des angestammten Königs stehen! Dem Adel traut doch der Bürger nie ganz, wenn er auch von Freiheit und Gleichheit schwadronirt. Der Adelige, der sich zum Verfechter des Volkes, der Freiheit und Gleichheit aufwirft, hat nur den gerechten Lohn darin zu finden, daß er von seiner Partei verachtet, von der andern mißtrauisch und argwöhnisch behandelt wird. Selbst Mirabeau, dieser Koloß aller verschiedenen, glänzenden Eigenschaften, hat nie das Vertrauen des Volkes ganz besessen! Es ist nichts schöner und angenehmer, als sich in Träumereien den Gedanken an Freiheit und Gleichheit hinzugeben, Spartanische, Römische und Platonische Republiken hervorzuzaubern — ich selbst habe solche Augenblicke gehabt und habe sie noch — wenn man aber die Welt und die Menschen mit Ueberlegung betrachtet, so kommt man zu dem vernünftigen Schlusse: In Europa ist keine große Republik möglich. Die Europäer sind nicht zu Republikanern geschaffen; Freiheit und Gleichheit ist nicht möglich in einem Staate, wo Luxus und Bedürfnisse aller Art den Menschen stets vom Menschen abhängig machen; solange wir Menschen Bedürfnisse haben, die unsere Kräfte übersteigen, solange können wir nicht frei sein. Die monarchische Regierungsform ist für Europa die zweckmäßigste, die legitime Succession nach dem salischen Erbfolgerechte die natürlichste, denn sie verhütet Unordnungen. Gebt jetzt den legitimen Herrschern noch berathende Stände oder Kammern, und Ihr habt, was sich für Europa paßt!“
„Sie widersprechen sich zuweilen, habe ich bemerkt, sowohl seitdem ich in Ihrer Gesellschaft bin, als auch aus dem, was ich früher von Ihnen gelesen,“ sagte Hippias.
„Sehr wahr! Wer wäre der Mann, der sich immer consequent bliebe! Bei einem leidenschaftlichen, heftigen Charakter ist es schwer seine Worte immer auf die Wagschale zu legen. Hiezu kommt meine wirklich eigenthümliche Stellung in der Welt. Ich habe kein Vermögen, keine Anstellung, keine Aussichten irgend etwas zu erringen; ich sollte daher nichts mehr wünschen, als Rebellion, Aufruhr, Unordnung, um im Trüben zu fischen. Da sind aber meine ererbten Grundsätze dawider, und es giebt keinen größern Conservativen, Tory, wenn Sie wollen, als mich. Mit meiner eigenen Partei harmonire ich auch nicht, denn ich hasse Vorurtheile und liebe das Volk; ich gönne Jedem sein Recht, suche und habe keine Protectionen und will nur das werden, was ich durch mich selbst werden kann. Ich besitze außerdem viele Phantasie. Ein schöner, großer Gedanke begeistert mich und wie viele schöne Gedanken entspringen nicht aus dem Begriffe von Freiheit! Gleichheit! Völkerglück! In solchen Augenblicken schwärme ich und bin ein Republikaner! Es würde mir unmöglich sein, gegen meinen angestammten König das Schwerdt zu ziehen; für ihn zu sterben, würde für mich das glorreichste Ende sein! Wenn ich unter Louis Philippe diente, so hatte das seine Ursachen. Ich konnte mich aber nie an den Anblick der dreifarbigen Fahne gewöhnen. Ich wäre lieber zu den Arabern übergegangen, aber mein Schwur hielt mich zurück, den, einmal gethan, ein Deutscher Ritter nie brechen darf! Nach Spanien konnte ich nur unter den Auspicien meines Oheims gelangen; die Auszeichnung mit welcher Mina mich behandelte, schmeichelte meinem Stolze, aber weder er, noch die Franzosen, mit denen ich umging, konnten mich für die Sache der Königin einnehmen; ich blieb, was ich immer bleiben werde, ein guter Royalist. In Frankreich ging es mir nachher ebenso, nur, daß ich dort laut und öffentlich mich für meine Partei erklärte, und im Geheimen ihr nützte. Doch ich komme von der Sache ab. Mag ich mir auch widersprechen, so viel ich will, der Grundton meiner Gesinnungen schimmert immer durch. Begeisterung, momentane Begeisterung ist keine Ueberzeugung, keine Ansicht. Ich bin Legitimist — Patriot, — ein echter Deutscher und der größte Franzosenfeind! — Doch ich bemerke, daß wir den Wunsch unseres Freundes nicht beachtet haben. Herr Langewisch! Hummer und Rheinwein!“
Herr Langewisch ließ nicht lange auf sich warten. Die delicaten Bewohner des Meeres erschienen im röthlichen Todesgewande auf einer mit Petersilienkraut bekränzten Schüssel und der köstliche goldene Saft der vaterländischen Reben perlte in krystallenen Gläsern.
„Ich habe lange nicht das Vergnügen gehabt, Sie hier zu sehen, Herr Baron,“ nahm Herr Langewisch das Wort. „Ich glaube, das letzte Mal waren Sie hier mit dem Holländischen Doctor. Nicht wahr?“
„Ganz recht.“