alles was ich heute sammle, später seine Früchte tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreißen können, das ist der Seelenschatz, den wir angehäuft haben.
Den 12. Oktober.
Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst. Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe, mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen.
Den 14. Oktober.
Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das Wiedersehn, das wir beide erhoffen.
Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß wir uns endlich schreiben konnten? Hier
gibt es viele arme Menschen, die nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen getrennt sind. Wie du siehst, gehören wir noch zu den Bevorzugten.
Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt; sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht, darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt.
Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre, sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen alles ertragen: zwei
Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab’ Vertrauen in unsere ewige Freude.