Den 15. Oktober, 7 Uhr.
Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas von der folgenden Minute vorwegzunehmen.
Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen, daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des Augenblickes.
Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter, Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist eine schädliche Kraftvergeudung.
Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin vorzubereiten, so gut ich es kann.
Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es.
Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige Schönheit und Ordnung durchschauen.
Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung, und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen.
Den 16. Oktober.
Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den