Oktober voll genießen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin ich voll Freude und der Friede ist innig . . . .

Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld. Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu entdecken, sie andere entdecken zu lassen.

Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir uns wiedersehen, sie wird uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M . . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme. Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . .

Den 17. Oktober, um 15 Uhr.

Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird. Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen, so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt.

Den 22. Oktober.

. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen, die ich nicht ahne; aber ich spanne

alle Kräfte meiner Seele dem Ziele entgegen, alle Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . .

Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz.

Den 23. Oktober.