Liebste Mutter!
Ich habe den Artikel von Barrès, „Der Adler und die Nachtigall“ noch einmal gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes.
Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere Hände lege als die unsrigen.
Den 27. Oktober.
Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen, sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot.
Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.
Den 28. Oktober.
Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost, wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben.
Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe vollendet ist.
Den 28. Oktober
(zweiter Brief, fast zur selben Stunde).