Teure geliebte Mutter!

Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen Ausdruck dafür finden könnte.

Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie bei den holländischen Landschaftsmalern. . . .

Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als gewisse Zeiten rastloser,

fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben. Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer Art Widerstand gegen alles Böse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von außen kommt, offen lassen.

. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen Blick in das herrliche Buch „Krieg und Frieden“ einwerfen kannst, wirst Du darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten gelassen ist, der sie erstrebt.

Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern.

Den 30. Oktober.

Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich möchte sogar behaupten,

daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung zu verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven bloß lägen. Vielleicht wird sich, nachdem die Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste bilden und die Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen.