Den 26. November.
Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle, wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . .
Den 28. November.
Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt.
Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt,
erreichen, treffen sie in den Hügel eingegrabene Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache sind, Schlaf und die Wärme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter draußen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man Verbindungsgraben[9)] nennt und in den man eindringt. So gelangt man unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches, ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des Lebens erzählten.
In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps, verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die
bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen können. Auf diesem äußersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom Feind).
Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe, wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde.
Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . . Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles vorbereitet zu fühlen.