Den 29. Nov., morgens, im Quartier.
Teuerste Mutter!
Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von den gestern flüchtig gesehenen Wundern.
Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken, die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen!
Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken.
Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt.
Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in meiner Bibliothek finden wirst.
Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil
sie der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir immer fremd bleiben wird. Aber was für ein Dichter!
Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die Weisen seiner „Paysages Tristes“[10)] in den Sinn; denn sie geben genau die Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.)