. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen besteht.
Sonntag, den 6. Dezember.
Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir brauchen ihn oder vielmehr
wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist, was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses Vertrauen in die Ordnung der Dinge, — ein gewisses Vermögen, von jeder Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist.
Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren, was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . .
. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . .
Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen, vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger Betrachtung erscheinen mir die religiösen
Formeln, so fremd sie auch den Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit sie ein Streben nach Schönheit und Form ausdrücken.
Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig, aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu dürfen. . . .
Montag, den 7. Dezember.