Vielgeliebte teure Mutter!

Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen von Schlamm.

Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels. Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben. So lege

ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was er mir vorbehalten will.

Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.

Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war, und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ.

Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen, obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . .

Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut, daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie diese Weisheit nur Stückwerk

ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn man ihn ahnt.[11)] Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es auch sein mag.

Den 9. Dezember.