Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige, von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . .

Den 10. Dezember,
in der wunderschönen Morgenstunde.

Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern.

Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern.

Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.

Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben, aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde.

Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde wahrscheinlich meinen gewohnten Gang[12)] aufgeben müssen, da ich als Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt.

. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.

Den 10. Dezember, 2. Brief.

Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . .