Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern, ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht, deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird.
Den 15. Dezember, in der Frühe.
Teure geliebte Mutter!
Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim erzählst. Ich
bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft ist, die rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich wieder einzurichten weiß. Ich bin glücklich zu fühlen, daß meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; denn unser Leben, das in mancher Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige hervorstechende Ereignisse.
Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie ich fürchte, sich wiederholen . . . .
Den 15. Dezember.
. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte
finden mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben dem Leben dieser alten Mönche gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für den Kampf geeignet waren. Unter ihnen konnten empfängliche Seelen Freuden genießen, die ich heute wiederfinde. — Ich erhalte heute einen rührenden Brief von Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe.
Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter.