Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und poetischste Philosophie. Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel älteren Philosophien. Bei Edouard Schuré[13)] ist manches anfechtbar, was man aber behalten muß, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurückgehen läßt.

Weißt Du, daß die so rührenden mythischen Bilder von einem „guten Hirten“ und der „Mutter Gottes“, welche in unsern Religionen so glückliche Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen der menschlichen Symbolik sind? Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hieß der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, die Mutter, die ein Kind auf ihren Armen trägt. Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, wie sie sich ablösten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen übertragen

haben, welche die ewig jugendliche, menschliche Poesie jedesmal neu gestaltete.

Den 23. Dez. (in der Dunkelheit).

Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich unterbrechen mußte. Das Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten wir das Dorf selbst besetzt, — die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause, an dem man jede Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem Feinde zu verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns der Illusion hingeben können, als feierten wir den heiligen Weihnachtsabend.

Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet. Es ist wahr, die Anmut und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke für denselben Begriff.

Wenn Du einen Gang im Museum des großen Dichters Moreau[14)] machst, wirst Du ein Gemälde sehen, „das Leben der Menschheit“,[15)] glaube ich

benannt. Es besteht aus neun Abschnitten, welche drei Reihen bilden, die heißen: das goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter. Darüber ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit beherrscht. Darin aber hat dieser große Künstler dieselbe Vorstellung wie Du: jede der drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain und jede von ihnen umfaßt drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters heißen: die Entzückung, das Gebet, der Schlaf, während die Stunden des silbernen Zeitalters heißen: die Begeisterung, der Gesang, die Tränen.

Die Entzückung ist auch die Anmut; denn das Gemälde stellt Adam und Eva dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Blütenpracht in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts außer einer harmonischen Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott.

Die Begeisterung, in seinem silbernen Zeitalter ist wieder die Anmut, aber schon, durch menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit im Menschen, der Gesang ist von Tränen, dem Schmerze begleitet.