Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der Erinnerung kannten, von denen sie sagten: „Wir haben einen Bruder, der vor langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was aus ihm geworden ist.“ Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen verschlossen ist.

Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder in Prüfungen, aber

mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will also fortfahren, so vollständig, wie es mir möglich ist, für den Augenblick selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, daß Ihr selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, daß das Leben, welches ich gegenwärtig führe, nicht vorübergehend zu sein braucht.

Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über die Revue Hebdomadaire gefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.

Den 15. Januar, im neuen Quartier,
12 Uhr 30 mittags.

Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische Bestimmung.

Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.

Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag

eines seltsamen Januars, wo der Schnee auf den Donner folgt?

Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger. Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang — eine etwas unreine Moral, aber immerhin eine Moral — legte soviel Seele hinein, daß der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.