Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.[17)] Wie viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt

gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber ganz natürlich ist), ist, daß die bürgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterführen kann, während wir in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe Mutter, die Hauptsache ist, daß wir in einigen Stunden der Gnade Schönes erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt das Kommen des Frühlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung für den Einzelnen, sondern von fester Zuversicht für die Allgemeinheit.

Den 19. Januar.

Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel, rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde weiß.

Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das Rolandslied mir unendliche Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht gerade von dem Mahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit den bösen Geistern erzählt.

Ich freue mich über Deine so lieben Briefe.

Was die Leiden betrifft, die Du vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr erträglich.

Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt, wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen der letzten Ordnung nur hemmen würde.

Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden, wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger