Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine teure Vergangenheit

erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden Ländern zuführte. Eine liebgewonnene Straße, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf, wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich traumhafte Inseln, Märchenländer in mir erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen genügt.

Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen.

Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm geschlagen sind, nicht leiden wird.

Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers, nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das spielende

Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne muß es genügen zu wissen, daß die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen, an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft käme euch nicht gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der Erde aufzunehmen.

Den 26. Januar.

Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß, in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt, auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt.

Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung aller Kräfte,

die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum läßt. Es ist ein fortwährendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, außer in den Stunden der rasch unterdrückten Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.