Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin. Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die
Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit — unabwendbar — einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, der ihr Kommen erspäht, das Ungeheure der Urkraft ahnt.
Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung eines Unbedingten!
Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen, um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen. Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch noch einmal die Einsamkeit erleben!
O Einsamkeit für die, die ihrer würdig sind! Wie wird sie mitunter entweiht!
Den 11. Februar.
. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube, der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche Geduld übersteigende Ordnung.
Den 11. Februar,
2. Tag in der vordersten Stellung.
In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich, über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein als eine Erinnerung.
Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum Andenken an mich.