Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch, indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit aufhäufen kann.
Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten.
Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen
zurück, aus denen man die ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da blieben nur noch menschliche Körperteile zurück, welche sich bereits der Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurückkehrten.
Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten, versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk.
Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse, freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere Verwendung? Warum
bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir nicht gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so geschehe sein Wille!
Den 3. März, im Quartier.
Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen.
Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen