gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir gemildert.

Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . . Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte.

. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . .

Den 5. März,
6. Tag im Quartier.

Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen.

Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so schöne, so edle, so abschließende

Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen, in diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fühlen möchte.

Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben, daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . .

Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen.

Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten.