Aber ich weiß auch, daß sie bald vergeht, und daß, wenn ein anderer Kletterberg lockt, es mich unwiderstehlich »auf seinen stolzen Nacken« ziehen wird.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich dann auch das »Mitfließen« besser kann.
Quer durch die Lechtaler Alpen.
Auf allen Gebieten des Lebens haben sich die Ansprüche gesteigert – je mehr Freunde und Anhänger die Touristik und die Bergbesteigung im Laufe der Jahre gewonnen haben, um so größer sind auch die Anforderungen an Bequemlichkeit geworden. Früher war man zufrieden, wenn sich eine anständige Alm fand, auf der man vor Besteigung eines Hochgipfels übernachten konnte; dann kamen die Unterkunftshütten des Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins, die allmählich, wenigstens die besuchteren, sich hotelmäßig gestalteten und mit zuführenden Wegen angelegt waren. Aber auch das genügte bald nicht mehr: die neueste Errungenschaft auf dem Gebiete der »Erschließung der Alpen« sind die »Höhenwege«. Sie führen über die Joche und ermöglichen die Begehung steilgefurchter, zerrissener Felsflanken und zerhackter Grate, dadurch in Tagemärschen Wanderungen von einer Hütte zur anderen gestattend, ohne daß man ins Tal hinabsteigen müßte. Gipfelstürmer können dabei immer noch einen oder den anderen Gipfel »mitnehmen«. Freilich sind diese Höhenwege nicht ganz so angelegt, wie mancher Anfänger es sich vorstellt: nämlich, daß solch ein Weg immer eben und stets den Gratlinien folgend dahinginge, nein, es bleibt auch hier noch immer nötig, öfters auf und ab zu steigen, da ein Tal hoch oben in seinem Ursprung zu queren, dort einen Sattel zu erklimmen und dergleichen. In Summa ist die Höhendifferenz, die man nach auf- und abwärts zurückgelegt hat, mindestens so groß wie bei einer Gipfeltour. Der besondere Reiz, den diese Höhenwege bieten, ist, daß sie es ermöglichen, von Hütte zu Hütte wandernd, nie unter etwa 2000 m herabsteigen zu müssen, ferner die fortwährend wechselnden Szenerien, auf die sie Ausblick gewähren. Merkwürdigerweise ist das am rationellsten durch Höhenwege erschlossene Gebiet der Alpen das der »Lechtaler Alpen«, jener bis vor wenig Jahren, mit Ausnahme der Parseierspitze, gänzlich vernachlässigten Gruppe, wenn sie auch den mit alpiner Literatur vertrauten Hochtouristen durch die Arbeiten Spiehlers, Uhde-Bernays usw. bekannt war; die Allgemeinheit wußte nichts von ihr. Diese schönen Berge, im Süden durch die Rosanna und den Arlberg, im Westen durch den Flexenpaß, im Norden vom Lech, im Osten durch den Fernpaß begrenzt, sind auch jetzt noch, trotz der prächtigen Höhenwege, ein vom großen Touristenstrom ziemlich unberührtes Gebiet. Glücklicherweise! Denn dort trifft man keinen alpinen Modebummler, sondern nur wahre Bergsteiger und Naturfreunde. Wir sind auf vieltägiger Wanderung nur ein paar Leuten, vier oder fünf, begegnet; auch die Hütten waren trotz der Hochsaison nur sehr mäßig besetzt. Und doch zeichnen sich die Gipfel dieser Gruppe durch größte Formschönheit aus; der ganze ernste Charakter wird erhöht durch die wilden Hochkare, in denen häufig tiefgrüne Seen eingebettet sind, und durch zerrissene Couloirs, in denen noch der Schnee haftet. Dazu sind in diesem Jahr die Kalkalpen, die sonst um diese Zeit schon »tot« zu sein pflegen, besonders belebt infolge des langen Schnees; überall rauschen Wasserfälle, immer neue, lustige Bäche überströmen den Pfad – und die Flora ist von einem Reichtum, wie ich sie noch in keinem Gebiet der Alpen getroffen habe. Die Hänge sind noch rot von Alpenrosen – ganz oben sind sie noch in Knospen – Seidelbast und wilder Thymian entsenden ihre Düfte zusammen mit eben erblühten Schlüsselblumen, gelben Veilchen, Anemonen, Enzianen aller Farben und Größen, dazu zarteste Glockenblumen, Stiefmütterchen von dunklem Lila, Vergißmeinnicht, kräftig wie kleine Bäume, Moose in den verschiedensten Schattierungen und Feinheiten, Löwenzahn und Sumpfdotterblumen – von den monumentalen Schönheiten des Panoramas kehrt das Auge immer wieder zu den lieblichen, vollendeten Gebilden in nächster Nähe zwischen dem Gestein oder auf dem Wiesengrund zurück! Eine wunderbare, stille Welt dort oben, die gewiß manchem höchste Wonne bringen würde – trüge ihn sein Fuß in die Einsamkeit!
Am bequemsten bricht man in dies Gebiet von der Bahnstation Pians an der Arlbergbahn ein. In vier Stunden führt ein guter Weg über Grins, dem einstigen Sommeraufenthalt der berühmten und berüchtigten Margarete Maultasch, das noch alte, außerordentlich interessante Häuser aufweist, bis zur Augsburger Hütte, die den Ausgangspunkt für die Besteigung der Parseierspitze, »der Königin der nördlichen Kalkalpen«, bildet. Die Parseierspitze ist der einzige Gipfel der nördlichen Kalkalpen, der die Höhe von 3000 m erreicht. Von der Hütte führt eine erst vor kurzem eröffnete kühne Weganlage, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, über ewigen Firn und schroffe, wildzerfurchte Felshänge in achtstündiger Wanderung zur Ansbacher Hütte. Der Weg übersteigt den 2972 m hohen Dawinkopf, der eine wundervolle Aussicht auf die Lechtaler Alpen und die firnbelastete Kette der Zentralalpen, von der Silvretta bis zu den Ötztaler Alpen, gewährt, bei stetig wechselnden Detailszenerien der nächsten Umgebung; aber das Grundmotiv bleibt immer der herrlich weite Blick während der ganzen langen Wanderung. Freilich ist es kein »Weg« im Sinne von Gebirgsbummlern; es gehört schon Ausdauer und ein gewisses alpines Können dazu, um ihn mit Führer zu begehen. Wer ihn führerlos machen will, muß trotz der zahlreichen Drahtseile und sonstigen Versicherungen schon eine ziemliche Gewandtheit und Erfahrung auf Fels und Schnee besitzen. Von der Ansbacher Hütte, von der aus man noch die in dreiviertel Stunden leicht zu erreichende Samspitze mitnehmen kann, geht's in sechs Stunden zur Memminger Hütte am Seebisee, wobei man das Flauschjoch, das Winterjöchl und die Grinslscharte zu überwinden hat – eine besondere Anforderung an Willen und Lust am Steigen: denn ist man eben glücklich oben, so sieht man schon wieder, wo man von neuem hinunter und jenseits abermals in die Höhe klimmen muß! Auch einen »Nachmittagsberg« kann man sich von der Hütte aus noch erlauben, den Seekogel, auf den man in einer halben Stunde gemütlich nach absolviertem Mittagsschlaf hinaufspaziert. Weiter zur Hanauer Hütte in acht Stunden, und über vier »Jöcher«! Und vor der letzten Scharte, nach siebenstündigem Auf und Ab noch ein Berg, das ist freilich bitter! Aber die Kofelseespitz (2674 m) oberhalb des noch mit Eis bedeckten Kofelsees entschädigt für die Anstrengung durch eine wundervolle Aussicht auf den östlichen Teil der Lechtaler, namentlich auf ihr wildestes Gebiet: das Parzinn.
Dann geht's steil hinab zur Hanauer Hütte, die im Herzen des Parzinn, einem durch kühngestaltete Gipfel gebildeten Zirkus, ganz in Latschen auf einem Vorsprung gebettet liegt. Nur ein schmaler Ausweg nach Norden zum Lechtal hinunter eröffnet sich vom Parzinn. Die vor etwa 15 Jahren eröffnete Hütte ermöglichte es erst, in diesem schönsten und abgelegensten Teil der Lechtaler Alpen Touren zu machen; namentlich reizt die im Augenpunkt des Hüttenpanoramas gelegene ebenmäßige Pyramide der Dremelspitze, die, lange als unersteiglich gehalten, als letzter Gipfel sich dem Nagelschuh der Hochtouristen beugen mußte. Die Innsbrucker Alpinisten Dr. Ampferer und Hammer bestiegen als erste die stolze Zinne 1896 in achtstündigem Ringen – später fand der ungeßliche Purtscheller einen etwas verwickelten, aber kurzen und verhältnismäßig unschwierigen Aufstieg, so daß man den Gipfel jetzt bequem in etwa dreieinhalb Stunden erreichen kann. Noch stehen ein paar die Route markierende »Steinmandl«, die Purtscheller selbst aufgerichtet hat. Nun am nächsten Tag übers Galtseitjoch, dann tief hinab und wieder hinauf in fünf Stunden auf den Muttekopf, den berühmten Aussichtsberg, der vielleicht die malerischsten Kontraste von seiner Höhe bietet: einen Rundblick über die Kalkberge, die Zentralalpen, dazwischen romantische Talansichten: den Kessel von Imst, das Inntal mit den einmündenden Pilz- und Ötztälern – kurzum, ein großartiges Panorama! Die Muttekopfhütte, in fünfviertel Stunden erreicht, bietet eine willkommene Verpflegstation – nun herunter nach Imst in drei Stunden! Der Fuß eilt – man drängt förmlich nach dem Stall – denn unten, im altbekannten Hotel zur Post, wartet der Koffer mit frischer Wäsche, wartet ein gutes Bett, Badegelegenheit und – frisches Fleisch! Welch ein Labsal nach sechstägiger Konservennahrung! Und so begrüßt man mit tausend Freuden alle die zur äußeren Kultur gehörenden angenehmen Dinge, vor denen man sich in die Berge flüchtete, um sie dann wieder um so intensiver zu genießen!
Auf Höhenwegen von Oberstdorf nach Bludenz.
»Grüß Gott, Herr Kronprinz,« sagte der Hirte treuherzig, der mich eben über Stand und Vermehrung seiner graubraunen Kuhherde unterrichtet hatte, und zog nach seiner Meinung sicherlich höchst devot die Mütze. Ich aber hoffte, daß »Kronprinzens« – denn sie waren es wirklich und ich in ihrem Jagdrevier – keinen Sinn für die Misere des Alltags haben. Denn die kriegt uns unter – mag man noch so korrekt und vorschriftsmäßig ausgerückt sein –, wenn man nacheinander eine Reihe von Hochtouren gemacht hat und seinen äußeren Menschen inzwischen nur mit den Schätzen aus dem Rucksack und den Toilettenmöglichkeiten der »Hütten« restaurieren konnte. »Kronprinzens« – jung und schön beide wie der Lenz – zogen an der Spitze ihrer Jagdgesellschaft vorüber; und ich sah am heißen Hochsommertag auf meine schweren Stiefel nieder, zog die am Felsen zerrissenen Spitzen meiner Handschuhe in nachträglicher Scham über die Fingernägel und dachte befriedigt, daß wenigstens das Riesendreieck, das ich mir »am Sitz«, als mir der nächste Tritt zu weit entfernt war und ich ihn eben liegend erreichen mußte, zugelegt hatte, unter dem im Tal wieder umgeknöpften weiblichen Attribut, dem Rock, verborgen sei. Aber wo gefällt wird, da fliegen Späne – wer sich in »die Unwirtlichkeit der Berge« begibt, wie die Poeten am Schreibtisch sagen, muß sich ihren Widerstand gegen unsere Eigenmächtigkeit gefallen lassen. Zum Schluß siegen wir – zwar mit zerzausten Federn – aber wir siegen! Und so ein Berg, zu dem man aufblickend sagen kann: »Da oben war ich einmal und sah vom Gipfel in die Lande« – zu dem behält man sein Leben lang ein verwandtschaftliches Gefühl.
Diesmal sind wir von Oberstdorf im Algäu aus gewandert; wie man weiß und ich mit Bedauern ersah: ein geschätzter Sommeraufenthalt. Mir sind solche Orte furchtbar; und für die Maskerade der Städter, die sich als »Deandl'n« und »Buam« kleiden und gebärden, fehlt mir der Sinn. Ein recht heißer Weg führt zum Freiberger See hinauf, in dessen schönem, klarem Wasser sich von dem etwas höher gelegenen Wirtshaus aus jede Bewegung der buntfarbigen Frösche – nein, Schwimmer und Schwimmerinnen – verfolgen ließ. Und versöhnend war am Abend die allgemeine Mahlzeit auf dem kleinen Marktplatz, vom Mondlicht überflutet und zur Seite von der stillen Kirche begrenzt – ein hübsches, idyllisches Kleinstadtbild! Wohin ich ginge? frug ein Bekannter. In die Lechtaler; näheres wußte ich noch nicht. Das ist sehr glaubhaft. Denn niemand macht sich ein festeres Programm als der Bergsteiger. Aber auch kein anderer Reisender ist so geneigt wie er, dem Kollegen auf Nägeln so viel gute Ratschläge zu geben und ihm in seine Pläne dreinzureden. »Von dort aus wollen Sie gehen? – Ach, da würde ich Ihnen doch vorschlagen, über den und den Paß und lieber von der und der Hütte aus.« – »Danke schön, ich weiß alles. Ich war nämlich schon im vorigen Jahr dort – auf der ›drübern‹ Seite der Lechtaler. Nachzulesen im ›Tag‹«. – »So, Sie wissen? – Dann freilich« –
Ich nicke – der Hochtourist hatte sich während dieses Gesprächs in abweisendes Schweigen gehüllt – greife nach Rucksack und Pickel und entsteige dem Postwagen, der uns die staubige Landstraße entlang geführt hat bis nach Spielmannsau. Landstraßen sind mir ebenso zuwider wie beliebte Badeorte. Und während die Mitpassagiere sich beim Kaffee von der Fahrt erholen, beginnen wir bei 30 Grad im Schatten den sonnigen Anstieg zur Kemptner Hütte. Mir ist in diesen wärmlichen Nachmittagsstunden, unter der Last meiner beweglichen Habe seufzend, eingefallen, daß Dante heutzutage eine andere Wahl für seine Fegefeuerstrafen treffen müßte; den Bergsteiger z. B., der dafür bestraft werden soll, daß er Steine auf seine Mitmenschen abgelassen hat, müßte man ewig der Hütte zuwandern lassen – etwas Bittereres kann es für ihn kaum geben! Und diese hat noch eine besondere Überraschung für den lieben Wanderer bereit: hofft man sie nach drei »steilen« Stunden nun vor sich zu haben, wenn man die Felsen verläßt, so liegt sie rechter Hand noch ein paar hundert Meter höher auf einem Graskopf! Auch einen Zweikampf hatten wir dort abends noch auszufechten: um 8½ Uhr – für eine Hütte also zu nachtschlafender Zeit – tauchte der Hüttenwart aus Kempten auf und verlangte, daß die Dame, der man das Sektionszimmer eingeräumt habe – das war ich! – sofort auszöge und sich zu den Dienstmädchen in die Kammer verfüge. Aber wozu ist das Recht da, wenn es sich nicht durchsetzen läßt? Ein Hüttenwart ist abends um 8½ Uhr auch nur ein gewöhnlicher Tourist, falls er sich ein Zimmer nicht reservieren läßt; ich parierte seine Ungastlichkeit mit eiserner Stirn; was ihm aber der Hochtourist sagte, davon will ich lieber schweigen.