»Der Morgen läßt sich schön an«, bemerkte ich im Dämmern des Frühmorgens am nächsten Tage. Zwischen besonderen körperlichen Anstrengungen finde ich es sehr wohltuend, mich einmal außergewöhnlicher Ausdrucksweise zu bedienen. Warum, weiß ich nicht. Und helfen tat es auch durchaus nicht. Der Weg von der Douglas-Hütte zur Scesaplana hinauf ist weder hervorragend anstrengend noch schwierig – dafür aber auch nicht unterhaltsam. »Er zieht sich«, in Volksmundart; und die Beine derer, die in unstillbarem Höhendrang lange vor der Sonne ausmarschiert waren, tauchten wieder und wieder über unsern Häuptern an den ewigen Kurven auf. Schade, man verlor sich gar nicht aus den Augen! Wir beeilten uns deshalb auch nicht; von der Serie der Frühaufsteher waren wir ohnehin die letzten – der zweite Schub sind die Bequemen, Langschläfer, der dritte die gegen jede Temperatur Immunen, die sich »in die Höh' schwitzen«, um dafür körperlich abzunehmen. Die Sonne erwischte uns übrigens auf halbem Wege und meinte es recht gut; auch lag mir der »Zimba« noch unvergessen in den Gliedern. Trotzdem waren wir nach knapp drei Stunden ans Ende aller Kurven gelangt, sahen eine Stange ragen, machten noch einmal: »Rechtsum – kehrt!« Voilà – der mit einer Art von Backofen geschmückte Gipfel; hinter einer richtigen Ofentür liegt das Gipfelbuch. »So recht 'ne Frau, die so etwas als erstes bemerkt«, meinte mein Hochtourist, der mit diesem Aufstieg nicht auf seine Kosten gekommen war, was »Bewegung« anbelangt nämlich. Sonst – der Berg ist wunderbar! Was bietet er nicht alles durch seine isolierte Lage: eine unbegrenzte Aussicht auf die Ostalpen (Tiroler) und Westalpen (Schweizer), auf deren Grenze er gerade emporsteigt. Von den Ötztalern und der Ortlergruppe im Osten bis zum Monte Rosa im Westen schaut man und nach Norden hinunter in die schwäbische Ebene, sieht die blaue Fläche des Bodensees aufleuchten, kann das ganze Rheintal verfolgen von der Quelle bis zur Mündung in den Bodensee, nickt der alten Bekannten, der Silvretta, zu, freut sich an der Bernina-Gruppe – und immer Neues, Fesselndes steigt aus blaudunstiger Ferne auf – man hat das Gefühl, man stände recht im Herzen der Alpen! – Nichts störte uns am Genießen; jetzt erst wurde es oben warm, Sachsen und Schweizer zogen schon längst wieder bergab – allein in Stille und Schönheit und vor dem immer wechselnden Spiel zartester Nebelwolken an den Bergwänden, zu schweigen von der Farbenskala, die der Morgen auf der Palette seiner Ebenen mischte. »Die Scesaplana ist die Königin des Rhätikons« – man beuge sich ihrer Würde! Aber schließlich muß man doch wieder »bergab«. Über den Brandnerferner ging's, dessen aufgeweichte, dunkle, »sumpfige« Flecken wir sorgsam vermieden. Gegen diesen Sommer nützt der beste Gletscher nichts! Aber rückwärts schauten wir und bewunderten die steilen, merkwürdig geschichteten Schroffen, in denen der Berg zu dieser Seite abfällt; und so harmlos ist er von der andern! In der Straßburger Hütte, die direkt am Ferner liegt und schon in einer Stunde zu erreichen ist, frühstückten wir. Auf kunstvoll in den Fels gesprengten Wegen, die zwar Schwindelfreiheit verlangen, für Geübte aber nur ein »alpiner Spaziergang« sind, erreichten wir den »Spusagang«, wie der letzte Teil des ganz großartigen, oft mit Drahtseilen und Leitern gesicherten Steiges heißt, der ins Gamperdonatal hinabführt. Viel erlebt man an solch einem Morgen: öde Hochgebirgsformationen, Gletscher, starre Felswände, die unbesieglich scheinen, und in die doch der Felswurm »Mensch« seine kleine Bahn gegraben hat –, Schutthänge, steile »Wasen«, wie das Gras heißt –, schließlich wieder Latschengestrüpp als neueinsetzende Flora, allmählich Kiefern, Ahorne – Matten neben dem zu Tal rauschenden Wildbach – und zum Schluß ein Idyll. Ein echtes, köstliches Idyll. Das ist der »Nenzinger Himmel« im Gamperdonatal mit seinem Sommerdorf Sankt Rochus. Unsymmetrisch verstreut auf den Matten stehen eine Menge kleiner Almhütten – es sind Sommerhütten der Bauern und Bewohner aus Nenzing, die hier oben her ihre Herden auf ihre vier großen Almen treiben, sie jetzt aber schon alle, ungefähr 700 Stück graubrauner Kühe, in Sankt Rochus vereint hatten. Selten habe ich so ein hübsches, friedliches Bild gesehen wie dieses Sommerdorf mit seiner kleinen Kapelle, dem hübschen Wirtshaus – den verstreuten Häuschen und dem Vieh, das sich durchaus als Hauptsache empfindet und ungeniert Nahrung, Wasser und Schatten sucht, wo es ihm paßt. In großen Ställen wird das Melken besorgt, und zwar nur durch Sennen – und Sommerfrischlerinnen, die das grüne Nest auch schon entdeckt haben, erscheinen in blauen Leinenhosen, um sich selbst ihre Milch zu holen. Aber der fremde Einschlag stört hier nicht – er ordnet sich der Stimmung unter.

Der Abstieg von diesem »Himmel« ins Tal, d. h. in die Ebene, dauert vier gute Stunden, vollzieht sich aber auf so schönem Wege, meistens durch Wald und höchst romantisch neben der wilden Klamm des Mengbaches, daß man Zeit und leisen Druck vergißt, den das »Bergab« allmählich in Knien und Füßen doch hervorruft. Und nun atmet man wieder die Luft des Tieflandes und möchte wie das mexikanische Tier mit dem schönen Namen Axolotl sich auch anpassen können: ein paar Lungen, weit und groß genug haben, um unendlich viel reinen Ozon dort oben auf den Bergen in sich aufzuspeichern, und zwei Kiemen, die hier unten allen Staub zurückzuhalten vermögen! Ob man nicht bei fleißigem Kraxeln dazu käme?!

Streifzüge in Südtirol.

Nein, das hatten wir nicht erwartet! Wozu waren wir denn über den Brenner gefahren, hatten uns die Tauern aus dem Sinn geschlagen und uns den südlichen Alpen zugewandt, wenn nicht in der bestimmten Hoffnung, dort Wärme, Sonne, Wohlbehagen zu finden?! Und nun saßen wir im dichtesten Schneesturm seit drei Tagen auf der Spitze des »Bechers«, zwar im gutgeheizten Zimmer des »Kaiserin-Elisabeth-Hauses«, das mit echt norddeutscher Sorgfalt von der Sektion Hannover bewirtschaftet wird, und als Unikum einer Hütte eine kleine Kapelle, die höchstgelegene Europas, besitzt. Sie ist durch das Verbot der Geistlichkeit Tirols, daß die Führer am Sonntag nicht auf eine Tour gehen dürfen, ehe sie die Messe gehört haben, entstanden; und während des ganzen Sommers finden sich junge und alte Pfarrer, die den Aufstieg nicht scheuen und in einer Höhe von 3203 m ihres Amtes walten. Aber die Nächte »dicht beim lieben Gott« und bei soundsoviel Grad Minus sind immer ungemütlich, im Wirtszimmer sitzt man Ellbogen an Ellbogen, und von den übrigen schönen Bergen, die man von hier aus noch besteigen wollte, ist auch nicht die kleinste Nasenspitze sichtbar – weißes Flockengestiebe ringsum! Da wurde schließlich auch mein Hochtourist, der mich »in die Schönheit der Stubaier« einführen wollte und der im allgemeinen zäh wie Bergmoos ist, von stiller Raserei ergriffen, die sich gegen den Eigensinn der Natur kehrte. Kurz hieß es: »Jetzt wird mir's z'dumm – jetzt wird gegangen!« Also gingen wir. Tiefbetrauert ob unseres Leichtsinns von den am warmen Ofen Hinterbliebenen, und sobald man wenigstens drei Schritte vor sich hin sehen konnte; des Morgens um sechs und bei dichtem Schneegestöber und einem Sturm, der sich von allen Gletschern in der Runde – und sie sind dort grade nicht selten! – neuen Atem und frische Kälte zu holen schien. Nachdem wir in aufreibendem Kampf die Schwarzwandscharte erreicht hatten, wo sich übrigens (Nachricht für Einbrecher!) eine Proviantstation fürs Becherhaus befindet, d. h. Kisten und Fässer lagern frei im tiefen Schnee, konnten wir wenigstens über ein paar spaltenlose Gletscher im Sitz abfahren, mir eine der liebsten Arten der Fortbewegung, und so in verhältnismäßig kurzer Zeit weniger arktische Umgebungen gewinnen, in denen gefühlvoll statt des Schnees – Regen einsetzte. Mit ihm plätscherten wir abwärts. Allmählich wurden einige Gipfel frei, unter andern der »Botzer«, der auf unserem Programm stand und uns nun auszulachen schien, auch die eisgepanzerten Recken des Seebertals. Auf der Timmel-Alm, auf der hauptsächlich Pferde gepflegt werden, gab es am rauschenden Bach das übliche Rucksack-Frühstück – inzwischen war es zehn geworden – und gestärkt geht's vorwärts, in der unberechtigten Annahme, die ärgste Arbeit des Tages hinter sich zu haben. Welch betrüblicher Irrtum! Endlos zieht sich der Weg dahin, durch einförmige Talgründe und entschieden in ein südlicheres Klima. Es wird warm, heiß – die Sonne brennt, der Wind verstummt, die Wege werden steiler und steiniger. Recht erschöpft trinkt man um drei Uhr nachmittags in Moos im Passeier diesen guten österreichischen Kaffee, den kein Land ähnlich herstellen kann und der auch diesmal die Kraft zum letzten Wegende geben soll. Trotz der prachtvoll angelegten neuen Straße nach Sankt Leonhard sind diese zwei Stunden recht bitter – und dann die Furcht, ob man den Autobus, der uns nach Meran befördern soll, noch erreicht, vor allem, ob es noch Freiplätze in ihm gibt! Kurz vor der Abfahrt kommt man in Sankt Leonhard an – und diesmal ist man dem schlechten Wetter von Herzen dankbar, das die anderen Touristen in Hütten oder Standquartieren festhält und eigenen mürben Gliedern behagliche Sitze beschert. Eine Stunde später bewundert man schon die subtropische Vegetation Merans an der Gilfpromenade, genießt den köstlichen Anblick der von Trauben behangenen Weingärten, der früchtereichen Obstbäume. Welch ein Kontrast zum Morgen – diese üppige Flora, diese angenehme Wärme – endlich, endlich hat man sie gefunden!

»Nach Meran«, meinte mein Hochtourist verächtlich, »ziehen mich im Sommer keine zehn Pferde!« Ein ausgiebiger Schneesturm hat ihn eines andern und bessern belehrt. Denn es ist hier einfach himmlisch; die Luft andauernd von leichter Brise erfrischt, prangende Fruchtbarkeit ringsum, auf den schönen Promenaden keine armen Kranken, sondern stämmige Touristen und jauchzende Meraner Kinder, die nun auch einmal die Vorteile dieses gesegneten Landes genießen. Die Kurverwaltung tut ihr Möglichstes, um die Passanten zum Bleiben zu bewegen; morgens und abends konzertiert die Kapelle wie zur Hochsaison, prächtige Waldspaziergänge hinauf zu den Schlössern Tirol, Lebenberg, Schönna locken – selbst das Steigen fällt bei der kühlen Temperatur nicht schwer – und wer dennoch reine Höhenluft möchte, fährt mit der im vorigen Herbst eröffneten Vigiljoch-Schwebebahn auf das Vigiljoch empor. Das reizende, kleine, im Bauernstil gehaltene Hotel dort oben liegt 1468 m hoch und bietet eine wundervolle Aussicht ins Etschtal, hinter dem sich die Dolomiten aufbauen. Die Fahrt mit der Schwebebahn an und für sich ist schon ein Genuß, da sich die Aussicht mit jedem Meter, den man steigt, immer mehr weitet; außerdem ist sie technisch in ihrer Länge von 2210 m, die einen Höhenunterschied von über 1150 m bewältigt, eine großartige Leistung. – Uns natürlich konnte das stille Rasten am Vigiljoch nicht genügen. Wir wanderten noch am Abend zum einsamen Gamplhof, der eine Stunde höher liegt als das Vigiljoch. Und von ihm aus beim nächsten Morgengrauen in aussichtsreicher Kammwanderung über den Rauhen Bühel und das Hochjoch zum Gipfel des Hochwart (2607 m). Er ist ein hervorragend schöner Aussichtspunkt. In gewaltigem Rund streift das Auge von den stolzen Eisriesen der Ortler-Gruppe über die Ötztaler und Stubaier Alpen zu den wildgezackten Dolomiten, der Presanella- und Adamello-Gruppe; selbst die Schweiz schickt durch die blinkenden Gipfel der Bernina-Gruppe einen Gruß herüber. Ganz entzückend ist der Tiefblick auf das grüne Vinschgau, das in seiner vollen Ausdehnung von Mals bis zur Töll tief zu Füßen liegt. – Den Abstieg, den wir teilweise pfadlos über steinige Hänge und kaum erkennbare rauhe Alpenpfade ins Ultental nahmen, kann ich nicht recht empfehlen. Er kürzt zwar den Weg zu unserm nächsten Ziel, irgendeinem behaglichen Gasthaus in Sankt Waldburg drunten nicht unbeträchtlich ab, doch nimmt er keinerlei Rücksicht auf ohnehin schon müde Füße und vom Auf und Ab leicht verbogene Glieder. Wer plagte sich nicht gern, um einen schönen Gipfel zu erreichen, aber im Almen-Terrain überläßt man jeden Ehrgeiz den Kühen und Ziegen. Viele, viele bittre Seufzer, bis man endlich, endlich den Rucksack abwerfen kann und nach der üblichen Portion »Tiroler Schöps«, unter der sich – wie immer – eine schamhafte Ziege birgt, in sein Bett kriecht. Ein vierzehnstündiger Marsch inklusive Berg genügt meinen bescheidenen Ansprüchen an Bewegung durchaus! – Schrecklich lang ist das Ultental, das wir am nächsten Tage aufwärts wanderten, und das von der Falschauer durchströmt wird. Die höchst romantische, schluchtenartige Mündung des Tales und Baches bei Lana heißt die Gaul und wird von einem großartig angelegten elektrischen Werk ausgenützt. Im obern Teil aber, der sich gegen die Ausläufer der südöstlichen Ortler-Gruppe erstreckt, ist dies Tal sehr einsam und von Touristen wenig besucht. Aber grade das zog uns an – und die Aussicht, einmal nicht in eine überfüllte, von der Mode, die ja leider auch auf die Berge steigt, bevorzugte Hütte zu kommen. Der Weg hebt und senkt sich an der Berglehne und durchschneidet bescheidene Dörfer: Kuppelwies, Sankt Nikolaus, Sankt Gertraud, und für die Heiligen dieser Ortschaften gibt's genug Kapellen und Kapellchen, mit Alpenblumen geschmückt; an einem Marienbilde steht der rührende Vers, dessen Original sich an der Gnadenbrücke im Etschtal befindet:

»Mein liebes Kind, wo gehst Du hin?
Weißt nicht, daß ich Dir Mutter bin?
Daß Keiner Dich liebt so wie ich?
So steh doch still und grüße mich!«

Nach dreiundeinhalb Stunden – sehr heiß! Aber »man« ist ja nie zufrieden, womit ich gemeint sein soll – Rast in Sankt Gertraud. Tiroler Schöps. Und dann wird's ernst. Mit der Hitze und mit der Steilheit. »Am Grünen See (2489 m) in der ›Neuen Welt‹, 3½ Stunden von St. Gertraud, oberhalb der Weißbrunner Alm die Höchster Hütte (2500 m) in prächtiger Lage,« liest man im Baedeker. Das klingt so einfach und nett, man geht, nicht wahr, und plötzlich ist man da! Wasserfälle rauschen neben einem, ein idyllisches Bild bietet mit ihrem Viehreichtum auch die große Alm – und dann geht man eben immer weiter, immer höher, immer steiler aufwärts. Die Hütte ist einzig in ihrer geschmackvollen Einrichtung, ihrer glänzenden Bewirtschaftung, und gewiß will ich auch die »prächtige Lage« an dem von Gletschern gespeisten See nicht leugnen. Aber ein klein wenig weiter hätten gerade die Serpentinen der letzten Strecke angelegt werden können – sie lagen da wie eine fest aufgerollte Schlange und mühsam dreht man sich auf ihr und um sich selbst empor. Das Kleinlautsein der »bekannten Hochtouristin« nimmt doch bedeutend zu, als sie oben von der Perle aller Wirtschafterinnen erfährt, daß der einzige Führer des Ultentales, den man vorzufinden hoffte, noch eine Partie macht: Rückkehr unbekannt! Und da sollte die Tagesarbeit umsonst gewesen sein, die geplante Tour über's Zufrittjoch und die Zufrittspitze hinab ins Martelltal auch in den Grünsee fließen –?! Der Hochtourist bewahrt männliche Fassung; aber auch er ist entschlossen, seinen Rucksack nicht selbst vier Stunden lang über die riesigen, steiglosen Trümmerhalden zum Joch hinauf zu schleppen – er studiert um. Und plötzlich tut er, als könne uns nichts Besseres passieren, ja, als wäre es schon lange unsere einzige Sehnsucht, eine große Gletschertour allein zu machen! »Die Hintere Eggenspitze,« sagt er und deutet aus dem Fenster auf den schönen, weißen Gipfel, »das ist sogar der höchste Berg in der östlichen Ortlergruppe! Und wie bequem, man geht von der Hütte aus hinauf, ohne andres Gepäck als den Proviant, kommt hierher zurück, ruht sich aus – steigt wieder ins Tal –! Dabei der Weg so einfach: eine Stunde lang grobes Moränengetrümmer, dann über den Weißbrunngletscher ohne jede technische Schwierigkeit empor. Ich seile Sie an – und damit gut!« Ce que homme veut – – ich ergab mich. Als erstes fehlte uns das Seil, das er schlauerweise oder aus Bequemlichkeit unten im Koffer gelassen hatte. Die Hüttenwirtin lieh uns das neue Fahnenseil, dessen 9-Millimeter-Stärke schlimmstenfalls ja genügt haben würde, mich zu halten. Zuerst also die einfachen Moränen, dann der einfache Gletscher. »Ist er auch gefahrlos?« fragte ich, als wir vom Fels auf den Firn hinübergingen und ich kunstgerecht als erste Fahne des Seils angeknüpft wurde. Dabei entdeckte ich, daß mein Hochtourist in die 15 m Seillänge, die zwischen uns Distanz halten sollten, eine Schlinge machte. »Da hinein,« befahl er, ohne direkt auf meine Frage zu antworten, »stoßen Sie sofort den Pickel bis zur Klinge, wenn ich einbreche, und bohren ihn fest in den Schnee, was Sie weiter tun müssen, sage ich Ihnen dann schon!« »Gern,« versprach ich mit übertriebener Freundlichkeit, plötzlich dessen bewußt, daß ich im Ernstfalle gar nicht die Kraft haben würde, ihn herauszuziehen. Verdient hätte er's ja auch keinesfalls – nur daß ich dann eben sanft nachgerutscht wäre! Anderthalb Stunden sondierte die Gestalt vor mir mit dem Pickel Schritt für Schritt; denn die Stirn dieses müden, alten Gletschers ist von Falten durchfurcht, die der tückische Schnee sorgsam zugedeckt hat. Aber wir mußten diese Schönheitsmängel aufspüren, Schritt für Schritt, und jeder sank dazu tief in die weiche Decke. Ein paarmal drehte sich mein Wegweiser in ziemlicher Hast zur Seite und sagte nur: »Dort nicht!« und ich empfand schaudernd das Gefühl nachträglich, das einen befällt, wenn der Pickel ins Leere, ins Bodenlose stößt; und dann brach er mit dem rechten Bein wirklich ein, rief über die Schulter: »Festhalten!« und krabbelte am Rand empor, während ich krampfhaft und todesmutig zog. Ich bilde mir auch heute noch ein, daß nur ich eine Katastrophe verhütet habe – bis heute habe ich aber weder einen Dank noch eine Rettungsmedaille bekommen! Aber dort: waren das nicht Spuren?! Ein Mensch mußte den Gletscher traversiert haben und zum Zufrittjoch hinübergewandert sein. Wir hielten tapfer auf die Trace los: und dann ergab sie sich als die zierlichen Abdrücke von acht Gamsfüßen, die mit untrüglichem Instinkt, wie es sich herausstellte, knapp vor jeder Spalte abgebogen waren. Auf meine innere Verzweiflung hin, die sich nur in Seufzern und kurzen Verwünschungen alles Bergsteigens äußerte, probierten wir einmal, im Fels aufwärts zu kommen; aber er war teilweise mit Schnee bedeckt und dazu so plattig und zertrümmert, so wenig Halt bietend für Fuß und Hand, daß wir reuig zu den immer noch zuverlässigeren Gletscherspalten zurückkehrten. Endlich der Grat! Er bietet keine Fährlichkeiten mehr; die anderthalb Stunden in seinem Schnee sind zwar noch mühsam und nicht gerade wohltuend, denn trotz des tiefblauen Himmels und der nun erscheinenden leuchtenden Sonne pfeift ein eiskalter Wind uns ins Gesicht; aber nun haben wir den Berg doch besiegt! Und er lohnt uns die Mühe reichlich. In greifbarer Nähe liegen die eisgepanzerten Riesen der zentralen Ortler-Gruppe, im Norden die Ötztaler, die Stubaier, im Süden die Adamello- und Brenta-Gruppe, in der Ferne die Gipfel der Bernina, im Osten die wildgezackten Dolomiten. Ja, köstlich ist die weiße Einsamkeit, die glitzernden Schneefelder, die große, erhabene Ruhe der Firnhäupter. Umsonst ist man nicht 3437 m hoch, der Stolz gibt dem Brot und echten Prager Schinken einen Extrawohlgeschmack – wenn nicht, ja wenn nur nicht, der Abstieg noch wäre –! »Sehr einfach,« bemerkt der Hochtourist, der sich für seine Anstrengungen durch reichliche Nahrungszufuhr selbst belohnt, »wir vermeiden den morschen Fels! Wir gehen nur durch den Schnee.« Ich versuche zu streiken; aber eine Frau an einem Fahnenseil, nach einer mehrstündigen Gletscherpartie, in leicht strapazierter Toilette (Beinkleid und Wollbluse!) mit Schneebrille und Fausthandschuhen, hat einiges von ihrer »Allmacht« eingebüßt. Sie muß, beim Abstieg vorangehend, den alten Spuren folgen, sinkt in dem jetzt noch viel weicheren Schnee bis an die Brust ein, klappt wie ein Taschenmesser vornüber, hat Nase, Augen und Ohren voll Schnee, besinnt sich, daß sie sich im Fels das rechte Knie verletzt hat, fühlt, daß es nun den Dienst versagt, schreit in die Lüfte, daß ihr Bein verrenkt, der Hüftknochen gebrochen und sie verloren sei – und erhält von dem in fünfzehn Meter Abstand von ihr gleichgültig ihre Hilflosigkeit Beobachtenden mit ruhiger Stimme den Rat: »Zieh'n S' das Bein raus und gehen S' weiter!«

Es ist seltsam, welch eine Suggestion in solchen durchdachten, feinempfundenen Worten liegt: man zieht das Bein wirklich heraus und geht schweigend weiter. Am Schluß des Gletschers wird die Fahne eingezogen, d. h. ich abgebunden. Aus den kleinen Wasserrinnen, die in frühester Morgenstunde bescheiden zwischen dem Geröll rieselten, hat der schmelzende Schnee nun reißende Bäche gemacht, mit großspurigem Auftreten. Und ein bißchen gewachsen nach dieser Gletschertour fühlt man sich selbst auch: ohne Führer – und bei der Möglichkeit (oder besser Unmöglichkeit!) im Ernstfall den Hochtouristen aus einer Spalte ziehen zu müssen – gar nicht schlecht! Man hat sich gut bewährt. Unten, bei der Hütte, ist man überzeugt, daß zwar alle Fähigkeiten zu großen Eistouren vorhanden sind, daß man jedoch, um nicht aus der Übung zu kommen, doch noch eine rechte, schöne Kletterpartie machen möchte. Und dazu gibt's ja immer nur eins: die Dolomiten!

Hinaus zum langen Ultental, das man wirklich gründlichst kennen gelernt hat, von Sankt Waltraud in der vollgestopften Post bis Oberlana bei Meran. Per Bahn nach Bozen und mit einem der unzähligen Hotelwagen, die täglich noch ungezähltere Fremde befördern, durch das Eggental, vorüber an der pompösen alten Burg Karneid der Münchener Erzgießerfamilie von Miller, von Birchabruck und Welschnofen, den köstlichen Blick auf den Latemar, den Rosengarten, die Ortler-Gruppe genießend. Das Wetter scheint etwas unsicher, und oben auf der Höhe des Karerpasses, die man vom berühmten Karerseehotel durch einen schönen Waldweg erreicht, regnet es sanft. Bedenken steigen in einem auf, wie sie nur zu berechtigt sind: setzt etwa eine neue Regenperiode ein, müßte man auch tagelang dasitzen in der Glasveranda des Karerpaßhotels und Patiencen legen oder Balkannachrichten lesen, von denen doch keine einzige wahr ist?! – Da kommt der Mond über den Paß und übersilbert dankbar diesen herrlichen Fleck Erde. In aller Frühe lockt der leuchtende Schnee der Gipfel ans Fenster, ein jauchzender Tag bricht an, und vorsichtig trappt man mit den Genagelten die Treppe hinunter, um ja die Schläfer nicht zu stören, die Armen, die von dem Wunder draußen nichts ahnen. Mögen sie nur Patiencen legen, wenn sie aufwachen! Viele schöne Wege gibt's in den Alpen; aber der schönste, unvergleichlichste, die Krone aller Wege ist der Hirzelweg vom Karerpaß zur Kölner Hütte, die am Südwestende der Rosengartenspitze liegt. In klarer Morgenluft und immer wechselnder, zarter, wunderbarer Beleuchtung lagen sie da in langer, endloser Kette, die göttlichen Gebilde: die Latemar-Gruppe, die Presanella, die Brenta, die Ortler-, Ötztaler- und Stubaier-Alpen, der Schlern, der Tribulaun; die zweieinhalb Stunden zur Hütte (2325 m) verfliegen im Genuß all der Pracht, die sich von der Hütte aus noch ebenso bewundern läßt. Und man begreift nur zu gut, daß die Sektion Rheinland noch ein Touristenhaus anbauen mußte, das einen Tag vor unserm Besuch eröffnet worden war: wer diese Hütte nicht gesehen hat, hat nichts gesehen! – Gleich hinter der Hütte geht's steil empor über das Tschaggerjoch (2644 m) und wenig abwärts zur vielbesuchten Vajoletthütte, dem Ausgangspunkt für die meisten Touren in der Rosengarten-Gruppe und auf die kühnen Vajolettürme. Wir wandern am nächsten Morgen zum Grasleitenpaß, deponieren unter Geröll die Rucksäcke und steigen auf den höchsten und zugleich aussichtsreichsten Gipfel des Rosengartens, den Kesselkogel (3001 m), der einen wunderherrlichen Blick über fast ganz Tirol bietet und im übrigen bei wenig Kletterei und einem ganz amüsanten Band eine nette Vormittagsunterhaltung gewährt. Durch den großartigen Grasleitenkessel, wo der Schnee noch eine lustige Abfahrt gestattet, geht's zur Grasleitenhütte hinunter, wo der Führer für den nächsten Tag engagiert wird. Direkt vor der Hütte, so daß man den unteren Teil des Aufstiegs durch die schwierigen Kamine ganz übersehen kann, erhebt sich der Grasleitenturm – ein paar Junge, Führerlose, durchklettern ihn grade, und heißes Verlangen nach ihm packt mich! Aber natürlich: der Hochtourist ist schon oben gewesen und fand es daher für mich peinlich, von den »Hüttenwanzen«, die auch jetzt an der Arbeit waren, kritisiert zu werden. Was mich aber im nächsten Jahr durchaus nicht verhindern wird! – Für diesmal war die Traversierung der mittleren und östlichen Grasleitenspitze beschlossen, »auch eine schwierige Tour mit Kletterschuhen«, wie ich getröstet wurde. Tatsächlich hat Gottfried Merzbacher, damals schon ein vorzüglicher Kletterer, vor ca. dreißig Jahren erklärt, daß die Grasleitenspitzen unersteiglich sein dürften – wie hat sich der Maßstab geändert! – und wirklich erscheinen sie von der Hütte aus wie eine geschlossene Mauer, die jeden Angriff abweisen muß. In der Nähe löst sich die steile Fläche allerdings auf und bietet gute Griffe und Tritte; immer aber ist sie außerordentlich exponiert und erfordert in den knapp drei Stunden, die man bis zum überraschend großen Gipfelplateau der mittleren und höchsten Spitze (2705 m) braucht, strengstes Aufpassen. Die Kletterschuhe legten wir diesmal schon in der Hütte an, und kraft ihrer Anschmiegsamkeit an den Fels, und der Überlegung, die sich schwierigen Situationen gegenüber plötzlich einstellt, ging alles vorzüglich. Meine Zwirnhandschuhe waren zwar »hin« – ich kletterte zum Erstaunen aller geaichten Alpinisten nie ohne Handschuhe –, denn die Felsen waren scharf und fest zugreifen mußte man schon; aber die Glieder gottlob heil! Ganz so gut ging's uns beim Abstieg zur Scharte zwischen der mittleren und östlichen Spitze nicht. Diese Tour ist außer Mode – entthront durch den Grasleitenturm! – und es fand sich deshalb viel brüchiges Gestein vor uns, das sonst von den Kletterern nach und nach beseitigt wird. So war bei der großen Exponiertheit doppelte Vorsicht geboten. Der Hochtourist entdeckte einen Kamin, der ihn stark anlockte, und grade stiegen wir in ihn hinein, er voran, ich in der Mitte, der Führer mich von oben bewachend, als ein entsetzliches Getöse über uns entstand. Ich blickte zum senkrecht über uns stehenden Gipfel, schrie: »Steinschlag!« – und drückte den Kopf in eine Felsspalte. Ein faustgroßer Stein traf mich schmerzhaft auf der Hüfte, und pflichtgemäß schrie ich auf; aber es war wohl mehr die Angst vor der Ungewißheit: »Kommt noch mehr – und kommen noch größere?« Recht peinliche Augenblicke sind das, die man da zubringen muß, als Spielzeug des Zufalls! Rasch wie er gekommen, war der Steinschlag vorüber – man atmete auf – und machte sich wieder an die Arbeit. Es erwies sich, daß meine Beine für einen Tritt im Kamin zu kurz waren, und ich hing daher einige Meter zwischen Himmel und Erde, was man euphemistisch »abgeseilt werden« nennt. Aber wenige Minuten später stand auch ich auf der mit Schnee bedeckten Scharte, und kaum eine halbe Stunde später erreichten wir den östlichen Gipfel, womit alle Schwierigkeiten ihr Ende gefunden hatten. Denn der Abstieg zum Molignonpaß ist nur ein Spaziergang von wenigen Minuten. Dort standen allein und in der Mittagsstunde bratend, unsere Genagelten, die ein Hüterjunge hinaufgetragen hatte, und die uns nun im Schutt hochwillkommen waren. Wirklich, eine schöne und schwierige Tour war's, die man weniger wegen der Aussicht – sie ist nur nach Westen und Norden lohnend, im Osten und Süden lagern sich höhere Gipfel vor – als um der reinen Kletterfreude willen macht. Eine Extrabelohnung ist noch der Weg von der Grasleitenhütte durchs Tschamintal. Wald und Matten dünken einem zwar immer besonders herrlich nach ein paar Tagen in den steinernen oder firnenreichen Wüsten des Hochgebirges. Aber der Blick rückwärts vom idyllischen Tal auf die von unten überaus kühn und steil aufragenden Valbuonköpfe, die Grasleitentürme und die Spitzen, die man nun stolz wie alte Bekannte grüßt, ist von einem großen und unvergeßlichen Zauber. Und ein letztes Mal noch umfaßt man die verlorene Herrlichkeit vom kleinen Kapellchen St. Cyprian aus, bei Weißlahnbad, einem willkommenen, oft benutzten Vorwurf für die Maler; und trägt die Erinnerung an so viel glückliche, wenn auch mühevolle Tage und Stunden mit sich, wenn man auf leise schmerzenden Füßen durchs Tierser Tal in die Welt der Alltäglichkeit und Flachheit zurückwandert.