Hüttenleben.

Die meisten Menschen, die im Sommer eine Erholung suchen, wollen's »gemütlich« haben. Je nach ihren Ansprüchen und Mitteln wählen sie den Aufenthalt in einem eleganten Bade, einem bescheidenen Kurorte oder, wie's jetzt »Mode« geworden ist, in abgelegenen, primitiven Bauernhäusern; Bedingung bleibt immer, daß man es sich eben nach seiner Auffassung »gemütlich« machen kann, jede geistige und körperliche Anstrengung vermeidet und alle vierundzwanzig Stunden einem Dolcefarniente weiht. Im Durchschnitt wird das ja nun das richtige sein, um die Nerven zu beruhigen – worauf es den Sommerfrischlern in der Hauptsache ankommt! Der einzige, der auf sein Programm nicht mit rosa Lettern und nachlässiger Schrift das Wort »Frieden« schreibt, ist der Hochtourist. Zwar bringt sicherlich ihm am ehesten die köstliche Bergeinsamkeit allmählich ein inneres Ausruhen und eine wirkliche Befriedigung, aber vor seinen Erfolg haben die Götter in Wahrheit viel Schweiß gesetzt – er muß täglich aufs neue kämpfen, mit sich selbst, mit der Natur, um den wohlverdienten Lohn zu empfangen. Von »Gemütlichkeit« ist bei ihm nicht viel die Rede. Schon seine Ausrüstung deutet auf die Anstrengungen, Gefahren und Entbehrungen, die seiner warten. Er allein löst sich in den Wochen seiner alpinen Tätigkeit von der Zivilisation; noch mehr: auch auf die ihm angeborene oder anerzogene Kultur muß er ein wenig verzichten, soweit sie seinen äußeren Menschen anbelangt. Das tägliche Bad, frische Wäsche, Kleiderwechsel zu jeder Tageszeit oder jedem Witterungsumschlag, das gibt's ebensowenig wie pünktliche Mahlzeiten, einen mit Luxus gedeckten und mit reicher Auswahl besetzten Tisch. Von vornherein läßt sich also annehmen, daß sich nur diejenigen den Bergsport zur Erholung erwählen, die von den elf Monaten ihres bürgerlichen Daseins nicht »untergekriegt« sind und einen Vorrat an unverbrauchten Nerven und fester Gesundheit besitzen, der sie befähigt, den kommenden Strapazen Trotz zu bieten.

Sieht man sich einmal die alljährlich stark anwachsenden Mitgliederlisten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins wie der übrigen zahlreichen alpinen Klubs und Vereinigungen an, so darf man daraus wohl nicht mit Unrecht einen Schluß auf die Volkskraft und -gesundheit ziehen. Steigt von all diesen Hunderttausenden jährlich auch nur ein gewisser Prozentsatz wirklich auf die Berge, so genügt er doch, um uns nicht ganz hoffnungslos in die Zukunft unserer Rasse schauen zu lassen; wir sind darnach doch nicht so entnervt, verbraucht und dekadent, wie manche Schwarzseher uns in klugen, wissenschaftlichen, aber sehr schmerzenden Abhandlungen darzustellen belieben! Leute, die sich wochenlang auf ihre eigenen Füße verlassen, ihr Gepäck, oft auch den Proviant für mehrere Tage selbst schleppen und mit der einfachsten Lagerstatt und den simpelsten Mahlzeiten für die ganze Zeit vorliebnehmen – alles aus Begeisterung für die Natur und ihren Sport –, in denen lebt noch etwas von dem echten, so oft verspotteten und angefeindeten deutschen Gemüt und dem Wesen, an dem nach des Dichters Wort die Welt genesen sollte. (Was sie vorläufig allerdings vorgezogen hat, nicht zu tun!) Uns aber behüte dieser Beweis unerschütterter Gesundheit vor dem Verzagen. – »Aber auf den Hütten, nicht wahr, soll es doch so unterhaltend sein?« – Wie man's nimmt. Unterhaltend, ja; für Leute, die eben mit Leib und Seele Alpinisten sind. Denn erzählt wird fast nichts als von besonderen neuen Anstiegen, alpinen Erfolgen – oder Katastrophen. Heiter ist es deshalb nicht immer; dafür belehrend, auch durch die Art, wie erzählt wird. Man sieht aus ihr, wie rasch unter den Kundigen Prahler und Lügner entlarvt werden, wie nur wirkliche Energie und Intelligenz anerkannt und der fade, sich wiederholende Schwätzer bald zur Ruhe verwiesen oder zur Einsamkeit verdammt wird. Auch sonst wirkt das Hüttenleben durchaus erzieherisch. Keine Idee von den unsichtbaren Triumphbogen, die unten im Tal der Wirt und der Portier für jeden noch so harmlosen Gast in aller Devotion erbauen! Man mag von der eigenen Leistung bis zum Mützenrand erfüllt sein oder die Brust von den kühnsten Vornahmen für den kommenden Tag geschwellt haben – man rückt bescheiden vor der Hütte an, stellt den Pickel, der sich so schön ausnimmt, mit seinem vernarbten Stock nach allgemeinem Brauch vor der Tür auf, läßt den Rucksack im Gang auf die Erde gleiten und betritt möglichst unauffällig und ebensowenig von den Anwesenden irgendwie beachtet den inneren Raum. Ein »Grüß Gott!« mit dem Wirtschafter und den Gästen, an deren Tisch man Platz nimmt, ausgetauscht – das ist alles. Dann erfährt man so nebenher, daß die Einzelzimmer, falls solche überhaupt vorhanden, schon vergeben sind. Daß leider das frische Fleisch schon verzehrt wurde und von allen Konserven nur noch Gulasch, was einem schon wegen des folgenden Durstes zuwider ist, angeboten werden kann. Wasser zum Waschen gibt's schon seit mehreren Tagen nicht mehr – kein Regen und viel Besuch! Aber daß es morgen schlecht Wetter wird – wo man sich seit Jahren gerade auf diesen Gipfel gefreut hat – ja, das scheint Tatsache zu sein. Wie aufrichtig dankbar ist man, daß es doch noch einen Teller Erbssuppe gibt – wie sparsam geht man mit dem Töpfchen warm Wasser um, das den ganzen Abend zur Limonade reichen soll! Selten ist man sich so erquickt und ausgeruht vorgekommen wie nach einer halben Stunde auf der harten Holzbank, im Rauch verschiedensten Tabaks und dem Duft der Küche, deren Tür wegen der angenehmen Wärme nicht geschlossen wird. – Hat man dann ein Lager für die Nacht angewiesen bekommen, so wechselt man dort, auf der Pritsche sitzend, seine Bergstiefel gegen die Hausschuhe. Das Glücksgefühl hierüber kann nur der teilen, der neun bis zehn Stunden die Nägelbeschlagenen bergauf und bergab gesetzt hat. Unten findet man die Gaststube leer – alle sind hinausgeeilt, die eben noch todmüde, verhungert, unfähig, ein Glied zu rühren, waren, um den Sonnenuntergang zu sehen. Niemand spricht. Jeder schaut nur – ist versunken in den erhebenden, heiligen Anblick des langsam in einem Purpurmeer vertauchenden Gestirns. Wie noch hier und dort ein Hang in voller Pracht strahlt – im Tal ein Fensterchen wie ein mächtiger Diamant aufblitzt – die Wolken allmählich die stille, sanfte Glut annehmen, die das Herz mit Sehnsucht nach den Herrlichkeiten erfüllt, die sie verschleiern – und dann, von der Tiefe aufsteigend, Nacht und Schatten sich um den Fuß der Berge legen, höher und höher klimmen und schließlich die Welt ringsum in den Schoß der Unendlichkeit aufnehmen. Die Menschen hier oben, die vom Zufall zusammengeweht sind, stehen wie auf einer kleinen Insel. Leise streicht der Wind durch das magere, kurze Gras – kein Laut, kein Ton sonst! Ja, jetzt ist Friede. Der Friede, um den sie hier heraufgestiegen sind. Die großen Schauer der Einsamkeit rütteln an ihrer Seele; hier oben erwacht sie und füllt sich mit heiliger Freude, daß sie noch imstande ist, die Wunder ringsum bis ins kleinste zu empfinden und zu genießen.

Schweigend kehrt man endlich, wenn das Auge nichts mehr unterscheidet, in die Hütte zurück. Und nun kann's eine »gemütliche« Stunde geben – vielleicht! Nicht immer. Manche Menschen besinnen sich zu schnell auf die nüchterne Wirklichkeit und ihr Naturell zurück; nur wenige haben den richtigen »Hüttenton«, der eben einen geraden, harmlosen, ungekünstelten Charakter voraussetzt. Alles Gemachte, Unnatürliche hält dem schlichten Rahmen der Holzwände und weiter draußen dem der starren Felsen nicht stand. Hier ist Natur. Sie fordert unverfälschtes Menschentum. »Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk und die Hügel die Gerechtigkeit.« Ich glaube nicht, daß König Salomo das war, was wir heute einen Alpinisten nennen. Aber den Zauber wie die Allmacht der Berge auf das Menschenherz – die hatte er voll erkannt.

Eine unterirdische Hochtour.

Es regnete nicht: es goß. Das beliebte Münchener Schlackerwetter, das die Luft in undurchsichtige Rauchschwaden umwandelt und die Straßen mit zähem Brei überzieht, so daß man beständig, nur unpoetischer: »Schwan kleb' an« spielt, hatte einmal wieder von uns Besitz ergriffen, auch vom Herzen und allen Sinnen.

»Und doch ein Wetter, wie geschaffen für eine Bergtour«, sagte mein Hochtourist.

Ich sah ihn an: ein Meter Neuschnee wurde von allen Höhen gemeldet, bis tief ins Tal lag schon die weiße Decke, das Thermometer zeigte an meinem wärmsten Fenster (allerdings Nord-Nord-Ost!) vier Grad um die Mittagszeit und sank nachts in nicht zu berechnende Niederungen – und dann eine Hochtour?

»Gewiß – aber eine unterirdische. Dazu langt's grade. Oder vielmehr, da können einem endlich mal alle Wetterprophezeiungen und -nachrichten gleichgültig sein, da ist man unabhängig, frei – also?« Und auf mein Zögern und den nachdenklichen Blick in das braune Düster, das sich für Tageslicht ausgibt, lockert er mit geschickter Hand den letzten, im Bequemlichkeitskamin festgeklemmten Stein:

»Am 24. September haben sie's eröffnet – und wir waren noch nicht draußen!«