Der Stein rollt. So was kann man nicht auf sich sitzen lassen! Aber ich versuche am nächsten Morgen doch meine Genagelten recht graziös und unhörbar aufzusetzen, um von niemand beim Abstieg von meiner Etage in die Ebene überrascht zu werden – denn ein Badekostüm mit imprägnierter Fußbekleidung wäre immerhin noch passender als das Hochtouristenkostüm und der Rucksack. Bei der endlos langen Fahrt mit der Tram zum Isartalbahnhof hinaus lernt man jedoch einsehen, wie unnötig wichtig man sich wieder einmal vorkam, und daß sich der gute Münchener, der an die größten Kontraste in der Toilette seiner Mitmenschen gewöhnt ist, wegen einer, »die spinnt,« d. h. nicht ganz richtig im Kopf ist, nicht weiter aufregt. Der Hochtourist wandert rauchend am Zug auf und ab und ignoriert alle bescheidenen Einwürfe: »Ja, wer eben feig' ist, der soll daheim ›am Stuhl‹ sitzen bleiben.« Ich fahre also mit ihm ab; an den entzückenden, heute nur zu ahnenden Villenkolonien und Ortschaften des Isartales vorbei. Hinter Wolfratshausen – nicht eine Minute eher, denn von der Geburt bis zum Grabe speist der Münchener um 1 Uhr – dinieren wir kalt aus dem Rucksack. Kalte Gans, kalte Kotelette, kalte Äpfel, kalte Limonade – um uns als moderne Menschen harmonisch der kalten Umgebung anzupassen. »Jetzt fahren wir mit 'm Postauto – das wissen's doch?«
Ich habe es nicht gewußt und hätte nie eingewilligt – daher schweige ich.
In Kochel (sprich: Koh–chel) wartet es auf uns. Der Chauffeur heißt uns als einzige Passagiere herzlich willkommen, und – o Wunder! – es regnet nicht mehr, es sinkt nur noch feucht, aber äußerst durchdringend aus dem Nebel nieder. »Koh–chel« am gleichnamigen See durchfliegen wir und in ängstlichen Kurven die Landstraße auf und ab, an Obstgärten mit traurig leeren Bäumen vorüber – durch Wald, dem die Sonne fehlt, um seine rostbraune Schönheit aufleuchten zu lassen, an steilen Hängen hin, um schmale Kehren herum, bei denen es heißt: »Hier könnte man sonst den und den Berg sehen« – »da gäb's eine herrliche Talaussicht« – die Phantasie bekommt Spielraum genug – das hat auch sein Gutes. Den Walchensee, an dessen Ufer, in Urfeld, es eine erste Station gibt, sieht man wirklich. Und freut sich, daß er noch da ist. »Verschandelt« nach Münchener Ansicht soll er nach dem berühmten Projekt, das ihn einerseits als Staubecken vorsieht, um den Lauf der Isar zu regulieren, andererseits seine Wasserkräfte für elektrische Werke – man denkt an verschiedene Bahnlinien – ausnutzen will, vom nächsten Jahr an doch schon werden. Freilich, zur »Reisezeit« will man ihm seinen früheren Bestand gönnen, und tiefer als unter 4.60 m seines gewöhnlichen Standes soll er sowieso nie gesetzt werden! Aber es ist wohl leider so: die Poesie und Idylle muß der Nützlichkeit weichen; durch einen 1070 m langen Stollen, der durch den Kesselberg gebohrt werden wird, soll das Walchenseewasser zum 200 m tiefer gelegenen Kochel geleitet werden, wodurch natürlich auch hier große Umwälzungen nötig sein werden, um den Bestand des Kochelsees zu regulieren. Über Nutzen oder Schaden dieser Riesenpläne ist man sich in Bayern noch recht wenig einig – das Projekt jedoch wird verwirklicht und soll 19?? beendet sein. Heute sieht der vergewaltigte See recht friedlich aus; wie im Urzustand, ein Chaos von Wolken über ihm, als sei Wasser und festes Land um ihn her noch nicht geschieden. Aber unser Fuß fühlt eine etwas konsistentere Masse, als wir in Dorf Walchensee von Bord – nein, Verzeihung, es war doch ein Auto! – gehen. Und dann noch drei Viertel Stunden zu Fuß über den Katzenkopf, einen waldbestandenen Hügel, der reizend sein soll, wenn man ihn sieht, nicht nur fühlt, nach Einsiedl. Ein hübsches Gasthaus am Ende des Sees – aber sehr einsiedelhaft in der jetzigen Saison. Die Autos rasen seitwärts die »Staatsstraße« empor, die nur ein paar Meter vom Haus vorbeiführt und es dennoch vom Getriebe ausschließt. Zwar, wir sind dankbar für die Ruhe. Und zufrieden, dicht am Ziel zu sein.
Am nächsten Morgen segeln die Nebel unter gutem Wind über den See. Es hat stark gereift in der Nacht, und die Luft ist von köstlicher Herbe; vorläufig kann's uns ja noch egal sein – aber später! – Eine gute halbe Stunde geht es auf einem schmalen, frischausgehobenen Weg steil bergauf; wie ein schwarzes Land hebt sich die fruchtbare, schwere Erde vom Moosboden ab. Überall Markierungen, Pfeile, Schilder: »Es ist verboten –« und »es wird gebeten –«, ich fürchte, beides ohne viel Erfolg. Der Verein der »Naturfreunde«, dessen Arbeit uns diese Tour ermöglicht, wird bald sehen, daß es ein undankbares Geschäft ist, an das ästhetische Gefühl seiner Mitmenschen zu appellieren – schon jetzt finden sich genug häßliche Spuren des »Kulturmenschen« vor. Dann stehen wir vor der Höhle, der Angerhöhle am Simetsberg, der unser Besuch und die »Hochtour« gelten soll. Der obengenannte Verein hat sie erschlossen, weist aber am Eingang noch einmal darauf hin, daß ihr Besuch nur auf eigene Rechnung und Gefahr geschähe; in einem Prospekt, den ich erhielt, heißt es außerdem, daß die Höhle nur in Begleitung und mit Reservelicht zu betreten und ihre Begehung mit Schwindel behafteten, ungeübten und korpulenten Personen nicht zu raten sei. Man macht also wirklich eine alpin-touristische Kletterei, eine richtige Hochtour im Innern der Erde!
Wir zündeten unsere Laternen an, mein Stock wurde einem Baum am Eingang anvertraut – dann ging's an! Gleich mit zwei sehr steilen Leitern, dann durch einen schmalen Gang, der das Aufrechtgehen nicht erlaubt. Das Auge lernt bald, den kleinen Lichtkreis der Laternen auszunützen, denn vom Tageslicht dringt kein Strahl in dies unheimliche Dunkel. Man hat auch nicht auf »Korpulente und Ungeübte« Rücksicht genommen, man muß klettern, sich strecken, über Dutzende von senkrecht stehenden Leitern, über große Blöcke, schmale Steige, die über einen Abzugskanal für das von den Wänden tropfende Wasser gelegt sind, dann wieder auf eisernen Stiften über schaurige Tiefen fort, an gähnenden Spalten vorüber und an düsterblinkenden Wassertümpeln – kurzum, eine echte, rechte Hochtour macht man, ehe man nach einer Stunde bei bescheidenem Kerzenlicht das vorläufige Ende des Ganges bei einem etwa 15 m langen See erreicht. Hier gibt es sogar ein Höhlenbuch wie sonst ein Gipfelbuch, und ganz stolz über die Leistung schreibt man seinen Namen ein. Ich muß sagen, daß die »Angerhöhle« durch ihren alpinen Charakter von allen Höhlen, die ich je gesehen, am interessantesten ist. – Dann photographierten wir; der Mensch – diesmal der Hochtourist – ist ja nie zufrieden. Blitzlicht hatten wir mit; ich mußte es entzünden. Es ist eine empfehlenswerte Einrichtung. Abgesehen davon, daß mein »echter« Haselnußstock, an den ich die Tüten hängte, verkohlte, meine sämtlichen Fingerspitzen verbrannten, und ich mich in irgendeine Ecke nach vollbrachter Tat des Anzündens stürzen mußte, um meine Augen zu retten, erstickten wir fast an dem sich entwickelnden Rauch, der nirgends entweichen konnte und uns deshalb als Wegweiser nahm. Wir photographierten in verschiedenen Gängen – der neue Rauch sammelte sich zum alten, sogar unsere kleinen Kerzen in den Laternen starben beinahe. Und das wäre recht unangenehm gewesen! Ob die Bilder »etwas« geworden sind, ist fraglich – daß wir froh sein konnten, den »Naturfreunden« nicht zu begegnen, ist außer Zweifel. Als wir wieder ans Tageslicht kamen – es war nicht rosig, sondern blau und golden, von strahlender Schönheit! – zog der übelriechende Rauch noch immer neben uns her.
»Macht nix,« sagte der Hochtourist ungerührt, »jetzt ist es erst wirklich Fafners Höhle.«
Nun gab's noch einen wirklichen Gipfel, den des Simetsberges, und dann eine wunderbare vielstündige Wanderung bis hinunter nach Eschenlohe. Die glühenden Fackeln der Buchen zwischen dem Grün der Tannen, die Birken und Pappeln im zartesten Gelb – silberne Herbstfäden über den harten Brombeerblättern, wie leichte Wolken das weißballige Jelängerjelieber, im Volksmund »Gemsröckl« geheißen, im Buschwerk hängend. Dazu der wilde Schrei der Hirsche, die ihre Liebsten vom goldnen Lager aufjagen, die Lüfte zerreißend – im steinernen Bett das sanfte Lied des Waldbaches. Und ein Rauschen in den Baumkronen, verheißend, beseligend, daß auch nach diesem bunten Todesreigen die Natur zu neuem, ewig-schönem Leben erwachen wird.
II.
»Sie« auf Ski.
Bei den »Säuglingen«.
»Ausschau'n tun Sie, Säugling, als wenn S' heut' gebor'n wär'n!«